»Und darf ich ihnen dann etwas schenken?«
»Gewiß; aber nie ungefragt; nicht wahr? Merke dir das.«
Gretchen versprach es. Aber im nächsten Augenblick hatte sie es wieder vergessen über dem vielen, was sie heute erlebt und zu erzählen hatte. Die Mutter mußte natürlich alles wissen und dann kam die Lene an die Reihe. Die hatte in der Küche eine kleine Wäsche zu waschen, das war gar geschickt, da mußte sie so fest an ihrem Waschzuber bleiben und alles geduldig anhören. Sie tat's aber auch heute ganz gerne. Dann, als der Vater zum Abendessen kam, fand Gretchen noch einmal einen freundlichen Zuhörer. Ja, als es ½8 Uhr war und die Mutter, wie jeden Abend, mahnte: »Kind, es ist Zeit ins Bett zu gehen,« sagte der Vater ganz leise zu Gretchen:
»Frag' einmal die Mutter, ob sie nicht weiß, daß Schulkinder immer bis acht Uhr aufbleiben dürfen?« Gretchen fragte gar nicht lange, sondern jubelte gleich darüber, daß sie künftig eine halbe Stunde länger aufbleiben sollte. Sie wußte schon, wenn der Vater etwas erlaubte, sagte die Mutter niemals nein.
Endlich ging aber auch dieser glückliche Tag zu Ende. Als Gretchen im Bett lag und ihr Gebetchen gesprochen hatte, sagte die Mutter freundlich: »Gute Nacht, mein Schulkind«; »Gute Nacht, Mutter,« rief Gretchen, »ich freue mich schon wieder auf die Schule morgen.«
Auch die Eltern freuten sich mit ihrem Kind und es war nur eine Person im Hause, die nicht zufrieden war, und das war Lene. Als die Mutter spät noch in die Küche kam, um den Kaffee für den nächsten Tag herauszugeben, hielt Lene mit dem Stiefelwichsen inne und sagte:
»Das hätt' ich aber doch nicht für möglich gehalten, daß man unser Gretchen auf die letzte Bank setzen würde; das muß ein ganz verkehrter Lehrer sein, der so etwas tun kann, wenn der was Rechtes wäre, so hätte er auf den ersten Blick gesehen, daß unser Gretchen vorn hingehört.«
»Aber Lene,« sagte Frau Reinwald, ganz erstaunt über den Sturm, der da losbrach, »die Kinder sind ja nach dem ABC gesetzt worden und da kommt eben das ›R‹ weit hinten.«
»Das hat mir Gretchen wohl gesagt, aber es geht doch nicht mit rechten Dingen zu; es kommen doch noch acht Buchstaben nach dem ›R‹ und sitzen nur noch vier Kinder hinter ihr.«
»Nun ja, es gibt eben gerade keine Kinder mit diesen Anfangsbuchstaben; du wirst auch nicht viel Namen wissen, die mit ›X‹ oder ›Y‹ anfangen.«