»Aber der Bürstenmacher Zahn hat doch acht Kinder und beim Kaufmann Ulrich gibt's ein ganzes Rudel Mädchen, aber natürlich in diesem Jahr kommt gerade keins in die Schule!« Bei diesen Worten nahm Lene ihre Schuhbürste wieder und ließ ihren ganzen Zorn an Gretchens Stiefelchen aus, daß dieses über und über glänzte.

»Nun, Lene,« beruhigte Frau Reinwald, »bald wird Gretchen einmal heimkommen und verkündigen, daß sie nimmer auf der letzten Bank sitzt, und das ist dann schon angenehmer, als wenn sie jetzt die erste wäre und hinunterrücken müßte.«

Mit diesem Trost gab sich endlich auch Lene zufrieden.


Drittes Kapitel.
Der Hans.

Der Hans war am Nachmittag zuallererst mit seinen Schlüsselblumen heimgekommen, denn der Spaziergang führte an seinem Haus vorbei. Er wohnte ganz am Ende des Städtchens, in einem einzelstehenden Häuschen, das seinem Vater, dem Schäfer Zaiserling, gehörte. Das Häuschen sah elend genug aus und war sehr klein, aber doch groß genug, denn es wohnte nur der Schäfer darin mit seiner alten Mutter und dem Hans. Der Hans hatte seine Mutter nie gekannt, sie war schon lange tot, einen älteren Bruder hatte der Hans, der war aber in Amerika; der Vater war jedes Jahr vom April bis Oktober mit den Schafen auf der Weide. Auch im Winter war er oft die ganze Woche auswärts. Die Großmutter war taub und weil sie schon so lange nicht mehr hörte, was sie sprach, so hatte sie sich das Sprechen fast ganz abgewöhnt. Auch der Hans sprach fast nie; mit wem hätte er auch reden sollen? aber durch allerlei Zeichen konnte er sich schon mit seiner Großmutter verständigen.

Als der Hans heute heimkam, saß die Großmutter am Fenster und flickte. Der Hans legte seinen Strauß Schlüsselblumen vor die Großmutter hin; dann ging er eifrig auf die Bank zu, die am Ofen stand; dort lag sein Schulranzen, neben den setzte er sich und fing an mit dem Zipfel seiner Jacke daran zu reiben und zu putzen, bis das alte Leder wieder glänzte. Dann nahm er die Tafel heraus und machte sich daran, Striche darauf zu zeichnen, wie er es am Morgen in der Schule gelernt hatte. Als er die Seite ganz voll hatte, sah er sie prüfend an, dann löschte er alles wieder aus und fing langsam und sorgfältig noch einmal von vorn an. Erst als es dunkel wurde, legte er die Tafel weg, wetzte draußen am Brunnentrog seinen Griffel, bis er spitzig war wie ein Spieß und dann setzte er sich wieder neben seinen Ranzen und dachte an die Schule.

Auf einmal sagte er laut vor sich hin: »Ja« und wieder »ja« und immer wieder »ja!« Wer ihn gehört hätte, der hätte wohl gedacht, er sei nicht recht bei Sinnen, aber das war er doch; ihm war wieder eingefallen, daß der Lehrer heute morgen gesagt hatte, man müsse »ja« sagen und nicht »jo«, das war dem Hans etwas ganz Neues gewesen und so sagte er denn »ja« und immer heller »ja« und freute sich daran, wie andere Kinder, wenn sie ein schönes Lied singen lernen. Inzwischen war es dunkel geworden im Zimmer, denn ein Licht zündete die Großmutter nur im Winter an. Von Georgi an wurde es gespart. Wenn man nichts mehr sah, so legte man sich ins Bett. So war's Sitte im Schäferhaus. Bis jetzt hatte der Hans noch nichts von einem Abendgebet gewußt; heute aber, als er in seinem Bettlein lag, kam die Großmutter noch einmal her zu ihm, legte ihre alten, zitternden Hände zusammen und sagte mit ihrer leisen, eintönigen Stimme: »So hat dein Vater gebetet als Kind:

Herr, hilf, daß ich als treuer Knecht
Dir dienen möge fromm und recht
Mit heil'gem Ernst und Streben.
Laß nützen mich die flücht'ge Zeit,
Bald kommt die ernste Ewigkeit,
Hilf mir zum ew'gen Leben.«

Der Hans horchte begierig. Es kam ihm gar selten vor, daß er etwas Neues zu hören bekam. Nie hatte ihn jemand einen Spruch oder ein Lied gelehrt. Heute aber hatte die Großmutter bemerkt, wie der Hans von seiner Schule erfüllt war und da war ihr wohl aus ihrer eigenen, längst vergangenen Schulzeit das Gebet wieder eingefallen. Als sie es hergesagt hatte und wieder weg wollte, hielt der Hans sie fest.