»Willst du's noch einmal hören?« fragte die Großmutter, und als der Hans nickte, fing sie den Vers wieder an und der Hans sprach ihn mit. Als sie fertig waren, griff er gleich wieder nach den Händen der Großmutter und sie merkte, daß er das Gebet auswendig lernen wollte. Da setzte sie sich auf den Rand seines Bettes und sagte es ihm geduldig vor, bis der Hans endlich seinen Finger auf ihren Mund legte – er wollte es allein probieren. Die Großmutter hörte nichts und sah im Dunkeln kaum mehr, wie sich seine Lippen bewegten, aber sie sollte bald merken, daß er das Lied konnte, denn in seiner Freude zog er ihren Kopf herunter zu sich und gab seiner alten Großmutter einen Kuß, was ihm früher noch nie eingefallen war, dann schob er sie sanft weg, zum Zeichen, daß er sie nimmer brauche. Von diesem Tag an betete Hans jeden Abend seinen Vers und je länger er in die Schule ging, um so besser verstand er die schönen Worte.
Viertes Kapitel.
»Es ist immer so!«
»Kaum acht Tage bist du in der Schule und schon ist deine Tafel zersprungen! Auf einer solchen Tafel kann man nicht schreiben lernen, morgen bringst du eine neue Tafel mit, sonst geht's dir schlecht; verstehst du?«
So sprach der Lehrer eines Morgens zu der kleinen Luise Seiz, die neben Gretchen saß. Am nächsten Tag aber, als die Kinder ihre Tafeln vor sich hinlegten, damit der Lehrer ihre Aufgabe ansehen konnte, hatte Luise noch dieselbe zersprungene Tafel. Gretchen bemerkte dies sogleich, deutete mit dem Finger auf die Sprünge und sah Luise ganz besorgt und fragend an. Diese sagte kein Wort. Der Lehrer ging von einer Bank zur andern und kam endlich an die letzte.
»Muß ich wieder die zerbrochene Tafel sehen?« rief er die Kleine ärgerlich an; »hab' ich dir nicht gesagt, du sollst eine neue mitbringen?« Dabei nahm er ihre Tafel, brach die losen Stücke vollends auseinander, so daß sie klirrend auf den Boden fielen und nur noch ein kleines Stück im Rahmen stecken blieb.
»Nun wirst du wohl bis heute nachmittag eine neue bringen, denk' ich.« Der Lehrer ging weiter, die Kleine aber hob die Trümmer der zerbrochenen Tafel auf und weinte so schmerzlich, daß es jedermann erbarmen mußte, nicht nur unser warmherziges Gretchen, das neben ihr saß. Aber der Lehrer beachtete es nicht, er war an die Wandtafel getreten und schrieb dort schön und deutlich, daß es alle lesen konnten, ein »i« vor.
»Heute sollt ihr den ersten Buchstaben schreiben lernen,« sprach er, »ihr habt lange genug Striche gemacht, jetzt kommt das »i« an die Reihe.«
Hurtig fuhr Gretchens Griffel über ihre Tafel, für sie war das »i« nichts Neues mehr, sie hatte schon bei der Mutter alle Buchstaben schreiben gelernt. Als sie sah, daß Luise vor Weinen gar nicht schreiben konnte, sagte sie leise zu ihr: