»Komm', ich schreib dir's,« und bedeckte nun sorgfältig das kleine dreieckige Stück Schiefer, das noch im Rahmen geblieben war, mit möglichst schönen »i«. Daß aber Luise trotzdem noch weinte, konnte sie nicht recht begreifen, und als die Freiviertelstunde kam und die Kinder vor's Schulhaus hinuntersprangen, nahm sie Luise beiseite und fragte sie, warum sie denn keine neue Tafel mitgebracht habe.
»Ich bekomme keine, auch morgen nicht,« sagte Luise ganz verzweifelt; »mein Vater hat gesagt, er könne mir jetzt keine kaufen.«
»Aber wenn's der Lehrer will, muß dir dein Vater doch eine neue kaufen,« meinte Gretchen.
Aber Luise schüttelte den Kopf. »Es ist kein Geld mehr da. Erst am Samstag bekommt der Vater seinen Lohn. O, der Lehrer wird mich alle Tage schlagen,« klagte Luise schluchzend.
Diesen Jammer konnte Gretchen nicht mitanhören. Sie besann sich nicht lange, lief schnell hinauf ins Schulzimmer, holte ihre eigene Tafel, gab sie der kleinen Unglücklichen und sagte:
»Da, ich schenke dir meine, wir haben Geld, wir können eine neue kaufen.«
Nun hättet ihr aber sehen sollen, wie es plötzlich auf dem kleinen, tränenüberströmten Gesicht aufleuchtete, wie wenn die Sonne unter dichtem Gewölk hervorbricht, so verbreitete sich ein Schimmer von Glückseligkeit auf diesem Kindergesicht.
»Ist's auch dein Ernst?« fragte Luise noch zweifelnd, und als Gretchen dies fröhlich bejahte, drückte sie die neue Tafel fest an sich und trug sie sorgfältig, damit sie ihr gewiß nicht hinunterfalle und zerbreche, wie die erste.
Als die Freiviertelstunde aus war, erzählte der Lehrer eine biblische Geschichte. Da war unter allen Kindern keines, das so gespannt auf jedes Wort hörte, wie der Schäfer-Hans. Ihm war das alles ganz neu. Überhaupt hatte ihm noch nie im Leben jemand eine Geschichte erzählt. Der Lehrer bemerkte wohl, daß dieser Schüler keinen Blick von ihm verwandte, wenn er ihn aber etwas fragte, so brachte der Kleine doch keine Antwort heraus, so daß sich der Lehrer wunderte, denn er wußte nicht, wie wenig der Hans im Reden geübt war und wie stumm es bei ihm zu Hause zuging. Da war Gretchen schon anders. Die war immer flink mit Red und Antwort bei der Hand. Nur heute schien sie nicht recht bei der Sache. Mit Schrecken war ihr eingefallen, daß die Mutter ihr verboten hatte, ungefragt etwas zu verschenken und nun hatte sie's doch getan! Was würde die Mutter sagen! Wenn ihr nur Luise die Tafel noch einmal zurückgäbe, bis sie um Erlaubnis gefragt hätte.
Als die Schule vorüber war, ging Gretchen mit Luise die Treppe hinunter und sagte zu ihr: »Gibst du mir nicht meine Tafel noch einmal? du bekommst sie schon heute Nachmittag wieder, aber weißt du, es ist mir eingefallen, daß ich vorher die Mutter fragen muß.«