»Mit einem Brunnentrog.«

Während der Hans schrieb, ging der Lehrer weiter zu den Mädchen. Bald ertönte seine Stimme wieder.

»Was ist denn das für eine erbärmliche Schreiberei? Das sind ja gar keine »i«; keins hat einen Punkt und die meisten haben nur zwei Striche statt drei! Da seht einmal her,« und er hob die Tafel hoch in die Höhe, daß alle Kinder die sonderbare Schreiberei sehen konnten. Das Mädchen, das die schlechte Schrift geliefert hatte, saß neben des Apothekers Emilie.

»Du hast gestern auch deine Sache so liederlich gemacht, du verdienst nicht so weit vorn zu sitzen. Nimm deinen Ranzen und setz dich auf die letzte Bank; Gretchen Reinwald, komm her und tausche mit ihr den Platz.«

»Ich?« rief Gretchen Reinwald ganz überrascht.

»Ja du, du paßt besser hieher.«

Da nahm Gretchen ihre Sachen zusammen und setzte sich neben Emilie, die sehr vergnügt darüber schien. Auch die andern, die in der Nähe saßen, freuten sich über diesen Tausch, denn sie wußten alle schon, daß die kleine Reinwald eine immer lustige Kamerädin war und dabei so gutherzig, daß keine neidisch war über ihr Vorrücken. Auch Gretchen hätte sich gefreut, aber das Mädchen, das nun in die hinterste Bank mußte, weinte gar bitterlich und das verdarb Gretchen die ganze Freude.

Jetzt kam der Hans heraus und hielt dem Lehrer seine Tafel hin.

»Wahrhaftig, du kannst!« rief der Lehrer, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und rief: »Seht, so müßt ihr's alle lernen, wie der Zaiserling. Der kann's am besten.« Der Hans setzte sich ruhig wieder hinten an seinen Platz. »Fibeln heraus!« befahl nun der Lehrer, und jetzt ging's ans Lesen: im – am – mi – ma; bei manchen ging es recht langsam und es war den Kindern nicht übel zu nehmen, daß es ihnen etwas langweilig vorkam und war auch kein Wunder, daß die sämtlichen Köpfe sich neugierig erhoben und alle sich der Unterbrechung freuten, als unverhofft die Türe aufging. Der alte Lehrer, Herr Baumann, trat herein. Er kam aber nicht allein, er führte einen Knaben an der Hand, der ganz anders aussah, als die Kinder des Städtchens. Er trug ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Samtanzüglein, das aus der Ferne sehr schön aussah, in der Nähe konnte man freilich bemerken, daß es nimmer ganz neu war. Als er ins Zimmer trat, nahm er sein Samtmützchen vom Kopf, und unter diesem kam ein kohlschwarzes Haar zum Vorschein. Auch die Augen, die aus dem schmalen, blassen Gesicht hervorglänzten, waren ganz schwarz.

»Hier bring ich Ihnen einen neuen Schüler,« sprach Herr Baumann zu dem jungen Lehrer; »es ist ein kleiner Spanier. Er heißt Felix Acosta. Sein Vater war bei einem Zirkus angestellt und ist verunglückt. Seine Mutter ist auch gestorben. Sie war aber von hier und man hat das Kind nach ihrem Tod hierhergeschickt zu ihren Verwandten. Der Knabe ist zwar schon neun Jahre alt, aber da er noch nicht in der Schule war, wird er doch in der untersten Klasse anfangen müssen. Siehst du, Felix,« fügte er hinzu, »das ist dein Lehrer, gib ihm die Hand.«