Der kleine Bursche reichte dem Lehrer die Rechte. Alle Kinder sahen es und alle konnten bemerken, daß an dieser kleinen Hand der Daumen fehlte. Herr Stein betrachtete aufmerksam die verstümmelte Hand.

»Da wird das Schreiben schwer gehen,« sagte er; »wie ist er wohl um seinen Daumen gekommen?«

Herr Baumann wollte eben antworten, da trat der Junge einen Schritt vor, so daß er frei dastand und ihn alle sehen konnten, dann sprach er mit lauter Stimme und fremdartiger Aussprache: »Sie sehen, meine verehrten Herrschaften, daß meine Hand hat verloren ihren Daumen. Vor zwei Jahren bekam unsre afrikanische Löwin ein Junges. Gleich nach der Geburt brachte mein Vater das junge Tier in einen besonderen Käfig und führte mich zu demselben hinein. Ich war damals sieben Jahre alt. Man legte das junge Tier, das ungefähr die Größe einer Katze hatte, in meine Arme, man brachte mir Milch in einer Saugflasche, wie man sie reicht den kleinen Kindern. Ich gab dem kleinen Löwen zu trinken, ich streichelte ihn, ich liebkoste ihn, und er ließ sich's gefallen. Den ganzen Tag waren wir beisammen, bloß nachts kam der kleine Löwe zu seiner Alten. Es wurde nun in der Stadt bekannt gemacht, daß zu sehen wäre ein siebenjähriger Knabe, der einen jungen Löwen füttert und mit ihm spielt. Da kamen die Leute in solchen Haufen, daß jeden Tag alle Plätze waren überfüllt und die Leute jubelten vor Vergnügen, wenn ich gab dem kleinen Tier zu trinken, wenn ich mit ihm auf dem Boden herumkugelte oder einen Ball rollen ließ, nach dem der kleine Löwe sprang wie eine Katze. Wir waren damals in New-York, der größten Stadt Amerikas, und wir nahmen ein soviel Geld wie nie vorher. So ging es einige Wochen lang, dann trat ich wieder in den Käfig und viele hundert Menschen klatschten mir Beifall. Ich nahm meinen Löwen, der nun schon groß und stark wurde, und reichte ihm die Milch. Da plötzlich ließ er sie los, schnappte nach meiner Hand, ein Biß, ein Riß – und weg war mein Daumen. Ich warf das Tier auf den Boden und tat einen Schrei. Die Leute hörten es und sahen das Blut, das mir über die Hand strömte. Sie entsetzten sich und die meisten eilten fort. Mein Vater aber trat zu mir in den Käfig. Mit einer Lederpeitsche schlug er auf das kleine Tier, daß es brüllte und die alte Löwin, die nebenan im Käfig war, brüllte mit, daß alles erzitterte, und schlug gegen die Wand, die uns trennte. Mein Vater aber trug mich hinaus und ich wurde verbunden. Als nach drei Tagen das Wundfieber vorbei war, fragte man mich, ob ich würde wagen, wieder zu dem kleinen Löwen zu gehen. Ich sagte »Ja«, denn ich liebte meinen jungen Löwen und hatte ihm seine Grobheit schon verziehen. Man ließ mir nun dicke lederne Fausthandschuhe bringen und umwand mir beide Arme und beide Beine mit Seilen. Mit einer Peitsche bewaffnet, trat ich morgens, ehe die Zuschauer kamen, zum erstenmal wieder in den Käfig. Das kleine Tier schnappte gleich wieder nach mir und wollte mich ins Bein beißen, doch da es auf die Stricke biß, ließ es nach. Ich kugelte nun den Ball, wie ich sonst getan hatte, aber der kleine Löwe sah nicht mehr auf den Ball, sondern biß auf meine Arme und Hände.

»Peitsch ihn, peitsch ihn,« rief mir mein Vater zu. Ich schlug nach dem Tier, da verkroch es sich in die Ecke. Ich bückte mich nun, um den Ball wieder zu holen. Da fuhr es auf mich los und hielt mich mit seinen Klauen fest, daß ich mich kaum losmachen konnte. Ich war bald erschöpft und verließ den Käfig. Noch dreimal versuchte ich in den nächsten Tagen das Tier zu bändigen, aber seine Zähne und Klauen wurden täglich stärker, sie drangen zwischen den Seilen hindurch, mit denen ich umwickelt war, und verwundeten mich. So mußte ich es aufgeben und ist dies ein Beweis, daß ein wildes Tier sich nicht zähmen läßt von einem Kinde. Es gehört dazu ein erwachsener Mensch, der durch seine hohe Gestalt und durch seinen durchdringenden Blick das Tier in der Furcht erhält.

Auf diese Weise, meine verehrten Herrschaften, bin ich um meinen Daumen gekommen. Doch habe ich um so besser gelernt, meine andern Finger zu gebrauchen, und wenn Sie mir wollen Geldstücke zuwerfen, so werden Sie sehen, daß ich sie werde auffangen sehr geschickt mit vier Fingern und wird nicht eines zu Boden fallen.«

In sprachlosem Erstaunen hatten Lehrer und Kinder dieser langen Rede gelauscht. Nun hielt der kleine Mann inne, streckte sein verstümmeltes Händchen aus und schien erstaunt, daß ihm niemand ein Geldstück zuwarf; hatte er doch seit zwei Jahren fast täglich diesen Vortrag vor den Besuchern des Zirkus gehalten, und eine hohe Geldsumme eingebracht durch die kleinen Gaben, die ihm am Schluß zugeworfen wurden.

»Ja, mein kleiner Felix Acosta,« sagte Herr Baumann, »hier streckst du deine Hand vergeblich aus; wir sind jetzt nicht im Zirkus, sondern in der Schule; weil du uns aber alles so schön erzählt hast, so will ich heute nach der Nachmittagsschule wieder herüberkommen und einige Geldmünzen mitbringen, damit du uns deine Kunst zeigen kannst. Jetzt aber setze dich ruhig zu den Kindern und Sie, Herr Stein, müssen eben sehen, was Sie dem Kleinen beibringen können.«

»Er scheint ja ganz aufgeweckt,« sprach der Lehrer, »und ist ja auch schon älter als die andern Kinder; aber mit dem Schreiben wird es schwer gehen.«

»O, Sie werden sehen, daß es wird gehen sehr gut, ich kann mit meinen vier Fingern mehr als andere mit fünf.«