»Sieh, darum ist's gut, wenn du bald selbst lesen lernst, dann kann ich dich gar nimmer anführen.«

»Wann ist der 1. März?« wollte nun Gretchen wissen.

»Wenn noch zwei Wochen vorüber sind.«

Ganz nachdenklich räumte Gretchen die Würfel weg, mit denen sie gespielt hatte. Sie hatten auf einmal kein Interesse mehr für sie. Es kamen ihr ganz neue Gedanken. Wie würde es wohl in der Schule sein? Wenn nur die nächsten zwei Wochen schon vorbei wären. Sie erschienen aber unserm Gretchen ganz ungewöhnlich lang, doch endlich kam der Tag, an dem der Vater verkündigte: »Heute ist die Anmeldung!«

Es war ein ganz kleines Städtchen, in dem Herr Reinwald als Beamter mit seiner Familie lebte; aber es war doch eine große Anzahl Schulkinder, die an jenem 1. März den gleichen Gang mit Gretchen machten. Es gab eben nur eine einzige Schule und in dieser waren Knaben und Mädchen beisammen.

Das Schulhaus war ganz nahe bei Herrn Reinwalds Hause, und es kam Gretchen ganz sonderbar vor, daß sie Hut und Mantel anziehen sollte für die wenigen Schritte, die sie auf der Straße zu gehen hatte. Sprang sie doch sonst durchs ganze Städtchen, ohne etwas anzuziehen; aber die Mutter sagte: »Das ist ein wichtiger Gang, zu dem muß man sich auch ordentlich herrichten.« Und so ließ es Gretchen geduldig geschehen, daß Lene noch einmal mit der Bürste über den Mantel fuhr, der doch schon vorher ganz rein war, und die Stiefel fester schnürte, die doch nicht offen standen. Mit dem ersten Schlag 11 Uhr ging Gretchen mit der Mutter zum Haus hinaus und blieb ganz sittsam an ihrer Hand, obwohl die schönste Schleife neben der Straße herlief und fast unwiderstehlich zum Schleifen einlud. Mit dem elften Schlag standen sie schon vor dem Schulhaus.

»Sieh, Mutter, da kommt unsere Wäscherin mit ihrer Marie, die wird heute auch angemeldet, und den Franz von unserm Holzhacker habe ich schon vorhin hineingehen sehen. Das ist mir so recht, daß ich so viele gute Bekannte treffe.«

Gretchen stieg nun mit der Mutter die Schultreppe hinauf, und als sie oben ankamen, trat der Holzhacker mit seinem Franz schon wieder zur Türe heraus. Im Vorbeigehen sagte der Franz leise zu Gretchen: »Ich bin schon angemeldet, aber du noch nicht,« und Gretchen fand es ganz natürlich, daß Franz jetzt stolz auf sie herabblicke.

In dem großen Schulzimmer, in das sie nun eintraten, stand am Katheder ein älterer Mann. Gretchen wußte schon: das war Herr Baumann, der Schullehrer. Neben ihm saß an einem Tischchen ein junger Mann und schrieb. Herr Baumann grüßte Gretchens Mutter. Er kannte sie wohl.

»So, so, Ihre Kleine kommt auch schon an die Reihe,« sagte er und streckte Gretchen freundlich seine große Hand hin, in der ihre kleine Hand ganz verschwand.