Nach wenigen Minuten schlief Gretchen so sanft wie immer. Das Beten hatte sie nicht vergessen. In der Nacht aber brach ein furchtbares Gewitter los. Ein Windstoß schlug mit aller Macht die Schlafzimmertüre zu, daran erwachte Gretchen und es fiel ihr ein, daß sie ganz allein war. Es blitzte und donnerte heftig, der Wind schlug den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte, bald war es stockfinster im Zimmer, bald wurde dieses durch einen Blitzstrahl taghell beleuchtet.
Das war nun gar nicht behaglich und Gretchen zog sich die Decke über den Kopf, um nichts zu sehen und zu hören. Erst vor wenigen Tagen war so ein heftiges Gewitter gewesen und der Blitz hatte in ein Haus eingeschlagen. Daran mußte nun Gretchen denken, und dabei fiel ihr ein, daß die Mutter gesagt hatte: »So oft nachts ein Gewitter kommt, muß ich aufstehen, denn immer schlägt irgendwo ein Fenster, oder es regnet herein.«
Gretchen horchte: richtig, da war es ja deutlich zu hören, nebenan in des Vaters Zimmer wurde ein Fenster vom Winde auf- und zugeschlagen. Das durfte nicht sein. Die Mutter konnte heute nicht dafür sorgen, Lene hörte es nicht, also mußte sie aufstehen. Unsere tapfere Kleine schlupfte in ihre Strümpfe, stieg aus dem Bett und tappte im Finstern nach der Türe. Da plötzlich leuchtete ihr ein greller Blitz, daß die Türschnalle hell erglänzte. Nun folgte ein furchtbarer Donnerschlag, daß Gretchen vor Schreck erzitterte.
»Lieber Gott, du sorgst doch für mich?« betete sie leise und dann ging sie herzhaft hinaus in des Vaters Zimmer. Richtig, da stand ein Fenster offen und der Wind blies den Vorhang weit herein ins Zimmer, es war gut, daß Gretchen kein Licht hatte. Sie brauchte auch keines, denn die Blitze leuchteten ihr fortwährend. Nun schloß sie das Fenster und wollte eben wieder hinausgehen, da hörte sie ein leises Geräusch, wie wenn einzelne Tropfen hoch herunterfielen. Sie blieb stehen und lauschte. Von Zeit zu Zeit fiel immer wieder ein Wassertropfen, sie hörte es ganz deutlich, aber woher kam der Laut? Vom Fenster nicht. Sie ging in die Mitte des Zimmers, da hörte man's noch deutlicher, endlich kam sie an des Vaters Schreibtisch und als sie prüfend die Hand darüber ausstreckte, fühlte sie etwas Nasses und ein Tropfen fiel ihr auf die Hand. Jetzt wußte sie's – es regnete durch die Decke herunter und gerade auf des Vaters Schreibtisch. Das war aber schlimm, da mußte Lene helfen, sonst wurden am Ende des Vaters Bücher und Papiere naß. So schnell sie's in der Dunkelheit vermochte, ging Gretchen hinaus auf den Vorplatz, an der Küche vorbei, bis an Lenens Kammer. Es blitzte und donnerte noch ebenso heftig, aber Gretchen erschrak schon nicht mehr so sehr daran, sie war auch ganz im Eifer.
»Lene,« rief sie, »bist du wach?«
»Ja, freilich bin ich wach, gelt jetzt fürchtest du dich doch!«
»Nein, aber Lene, komm nur schnell, denn des Vaters Schreibtisch wird ganz naß!«
»Ach Kind, was meinst du, der steht ja gar nicht am Fenster.«
»Er ist aber doch naß, ich habe es ja gespürt, komm nur schnell!«
Jetzt erschien Lene mit einem Licht. Eifrig ergriff Gretchen ihre Hand: »Komm, ich zeige dir's!«