»Nein, so schnell geht das nicht, da gibt's vorher noch viel zu besorgen, aber in sechs Wochen etwa. Nun muß ich's aber auch der Lene mitteilen,« sprach die Mutter und ging in die Küche, der Vater aber in sein Studierzimmer.

Gretchen blieb allein und dachte darüber nach, wie sie die große Neuigkeit ihren Schulkameraden erzählen wollte. Sie wurde aber bald in ihren Gedanken unterbrochen durch den Vater, der wieder ins Wohnzimmer kam und ganz ärgerlich aussah.

»Was hat man denn in meinem Zimmer gemacht?« fragte er, »gewiß wieder so eine unnötige Putzerei, es liegt ja alles durcheinander!«

»Ja, Vater, das hat so sein müssen, weil es auf den Schreibtisch geregnet hat,« antwortete Gretchen und erzählte dann ganz genau den ganzen Hergang der Sache. Sie wußte wohl, daß der Vater gar nicht leiden konnte, wenn man seine Papiere in Unordnung brachte, und als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sah sie besorgt zum Vater auf und sagte: »Ist wirklich alles ganz durcheinander?« Der Vater antwortete aber aus diese Frage gar nicht, er hob sein Töchterchen auf einmal vom Boden auf, ließ sie in die Höhe fliegen und rief: »Du bist ein Prachtkerl, dich kann man einmal brauchen in der Welt; nachts, bei Donner und Blitz aufstehen und nach dem rechten sehen, statt ängstlich unter die Decke zu kriechen, das lobe ich mir! Aber warte nur, ich will dir's nicht vergessen!« Mit diesen verheißungsvollen Worten verließ der Vater das Zimmer. Gretchen aber war sehr stolz und glücklich; ein Lob vom Vater war etwas sehr Seltenes, und so ein Lob war noch gar nie dagewesen.

Fröhlich sprang sie hinaus in die Küche, wo auch die Mutter schon von Lene gehört hatte, was in der Nacht vorgefallen war. Jetzt aber sprachen sie über den Umzug in die Residenz und Gretchen bemerkte mit Staunen, daß Lene in Tränen war.

»So, du kommst gerade recht, um die Lene zu trösten,« sagte die Mutter, ließ die beiden allein in der Küche und ging hinüber zum Vater.

»Denke nur, Lene will gar nicht mit uns gehen,« sprach Frau Reinwald lebhaft zu ihrem Manne.

»Wirklich? Das wäre mir leid, warum will sie denn nicht?«