»Sie sagt, sie möchte nicht so weit von ihren Eltern fort und sie könnte sich auch nicht eingewöhnen in einer so großen Stadt. Mir wäre es schrecklich, wenn sie ginge, so ein treues Mädchen fänden wir vielleicht nie wieder!«
Während im Zimmer die Eltern so sprachen, hatte Gretchen zutraulich ihre Arme um Lene geschlungen und freundlich zu ihr gesagt: »Lene, weine nicht, es wird dir schon auch in der Residenz gefallen, es ist ja schön dort!«
»Ich werde wohl nicht mitgehen,« sagte Lene. Da ließ Gretchen sie ganz erschrocken los, sah ihr ungläubig ins Gesicht und rief: »Du machst bloß Spaß!«
»Nein, mir ist's gar nicht spaßhaft zumut.«
»Du willst wirklich nicht mitgehen? Aber Lene, du mußt doch mit, du bist schon immer da gewesen, und ohne dich geht's gar nicht, nein, wirklich ohne dich geht's nicht!« und als Lene sich aufs neue die Tränen aus den Augen wischte, sagte Gretchen ganz entschieden: »Lene, du mußt's doch selbst spüren, du kannst nicht fort von uns!«
Und Lene spürte es, denn sie zog Gretchen gerührt an sich: »Ich glaube du hast Recht, ich kann nicht fort, von dir schon einmal gar nicht! Nein, ich bleibe bei euch; Gretchen, sag's der Mutter, daß ich mit euch gehe, und sag' auch, sie soll mir's nicht übel nehmen, daß ich vorhin so eine dumme Gans war, natürlich gehe ich mit!«
Da fiel ihr Gretchen fröhlich um den Hals, rannte hinüber zum Vater und verkündigte den Eltern jubelnd: »Die Lene geht mit, sie hat es versprochen!«
Das war nun den Eltern sehr lieb und der Vater dachte vielleicht wieder, sein Gretchen sei ein Prachtmädel, daß sie die Lene so schnell herumgebracht hatte. Er ließ sich's aber nicht merken, sondern sagte bloß: »Nun Gretchen, jetzt soll's dir gehen, wie's sonst nur den Kindern in den Märchen geht. Weil du heute nacht meine Papiere vor dem Verderben gerettet hast, sollst du dir irgend etwas wünschen, und den Wunsch will ich dir erfüllen. Du wirst schon so vernünftig sein und dir kein Königreich wünschen, kannst ja ein wenig mit der Mutter beraten. Heute abend will ich deinen Wunschzettel auf meinem Schreibtisch finden.« Mit diesen Worten verließ der Vater das Zimmer.
Gretchen klatschte in die Hände vor Vergnügen. »Mutter, wie herrlich,« rief sie, »ich weiß schon, was ich mir wünsche, du wirst's auch wissen, es ist ja schon lange mein Herzenswunsch!«
»Ich kann mir's wirklich nicht denken, was ist's denn?«