»Sehen Sie, Herr Kerzengrad,« sagte Frau Reinwald, »das ist der Knabe, dem Sie den Anzug machen sollen.«
»Sehr wohl, Frau Reinwald, es scheint allerdings, daß ein neuer Anzug hier gut angebracht wäre.« Der Hans wußte gar nicht, was das bedeuten solle, als Herr Kerzengrad sein Maß aus der Tasche zog und vor ihm niederkniete.
»Nun laß dir das Maß nehmen, Kind,« sagte Frau Reinwald freundlich. Hans wußte nicht, wie er das machen sollte.
»Soll ich auch niederknieen?« fragte er.
»Ist durchaus nicht nötig,« versicherte der Schneider, »bist mir nicht zu groß!« Bald war's geschehen, der Schneider nahm das Tuch, versicherte, daß es einen feinen Anzug geben würde, empfahl sich und ging.
Der Hans aber stand regungslos. Er ahnte etwas, das er doch nicht recht glauben konnte. Frau Reinwald merkte es.
»Gelt, Hans, du weißt gar nicht, was das bedeutet! Sieh, der Schneider macht dir jetzt einen neuen Anzug, den schenken wir dir dann zum Andenken, weil wir fortgehen.«
Das war deutlich auch für den Hans. Er strahlte mit dem ganzen Gesicht wie ein Vollmond und – lief zur Türe hinaus ohne ein Wort.
Das war nun freilich nicht artig, und Frau Reinwald war etwas überrascht; aber sie zürnte dem Kind nicht.
»Wie soll so ein Kind lernen, was sich gehört?« sagte sie sich, »wie lange hat es gedauert, bis Gretchen sich gemerkt hat, daß man grüßt und dankt! Er ist vielleicht in seinem Herzen doch nicht undankbar!«