Auf seine Frage, ob er Fräulein von Zimmern sprechen könne, wurde er in ein freundlich eingerichtetes Zimmer geführt, und bald darauf erschien die Vorsteherin des Instituts, ein älteres Fräulein von vornehmer Haltung und ernsten, aber doch wohlwollenden Zügen. Sie bat Herrn Reinwald, Platz zu nehmen, und dieser teilte ihr nun mit, daß er gekommen sei, um sie zu bitten, sein Töchterchen in ihre Schule aufzunehmen.

»Die Kleine hat zwar erst seit diesem Frühjahr die erste Klasse der Volksschule in dem Städtchen Föhrenheim besucht und ist deshalb noch nicht sehr gelehrt,« sprach Herr Reinwald, »doch ist sie gut begabt und so, denke ich, wird sie den andern bald nachkommen.«

»Ich bin gerne bereit, Ihr Töchterchen aufzunehmen,« antwortete Fräulein von Zimmern, »doch beginnen bei uns die Klassen nicht im Frühjahr, sondern im Herbst. So muß denn Ihre Kleine entweder ein halbes Jahr vor- oder zurückgesetzt werden. Da nun die Kinder in meinem Institut weiter sind als die Kinder in der Volksschule, so wird es am besten sein, wenn sie noch einmal von vornen anfängt mit unseren Kleinen, die vor einigen Tagen in die erste Klasse eingetreten sind.«

»Das wünschte ich freilich gar nicht,« erwiderte Herr Reinwald, »es ist ihr bisher immer so leicht gegangen und nun möchte ich, daß sie einmal ernstlich ans Lernen käme.«

Fräulein von Zimmern wiegte bedenklich ihr Haupt.

»Sie wird schwer tun in unserer zweiten Klasse.«

»Nun ja, das wünsche ich eben, sie soll sich auch plagen müssen, bisher war für sie alles ein Spiel.«

»Wird es das Kind nicht zu sehr anstrengen?«

»Das ist nicht zu fürchten. Sie ist vermutlich die dickste und rotbackigste unter ihren künftigen Kamerädinnen.«

»Wenn zuviel Neues und Schweres auf einmal kommt, kann sie auch leicht den Mut verlieren!«