»Schon recht,« sagte der Lehrer, »vergiß auch nicht, deinem Vater einen Gruß von dem israelitischen Lehrer auszurichten.«
»Wie bist du in unsere Schule geraten?« fragte Rosa unterwegs.
»Ich habe viele Mädchen da herein gehen sehen und nicht daran gedacht, daß es hier zwei Schulen gibt, in Föhrenheim gibt es nur eine.«
»Was, nur eine? Ich habe sagen hören, daß es hier mehr als vierzig Schulanstalten gibt.«
Gretchen staunte und war froh, daß Rosa Herz sie ganz bis an das Haus von Fräulein von Zimmern begleitete, sie wollte nicht noch einmal irre gehen.
Die beiden Mädchen verabschiedeten sich freundlich voneinander und bald stand Gretchen mit klopfendem Herzen vor einer Türe, an der groß und deutlich geschrieben stand: »Zweite Klasse.« Es war ganz still darin und Gretchen dachte, es könne niemand in dem Zimmer sein. Als sie aber anklopfte, wurde doch »Herein!« gerufen; sie öffnete die Türe und sah, daß alle Schülerinnen in musterhafter Stille an der Arbeit saßen. Freilich, fünfzig Kinder, wie in Föhrenheim, waren es nicht, es saßen bloß vierzehn Mädchen in dem schönen, großen Schulzimmer mit seinen hohen, hellen Fenstern. Fräulein von Zimmern stand am Lehrpult, Gretchen ging auf sie zu und richtete zum zweitenmal aus, was der Vater ihr aufgetragen hatte.
»Wie heißt du mit deinem Vornamen?« fragte Fräulein von Zimmern.
»Gretchen.«
»Nun, Gretchen, du kommst zu spät, ich habe dich um neun Uhr erwartet, es ist aber schon sieben Minuten nach neun Uhr. Merke dir vor allem, daß man in meiner Schule pünktlich sein muß!«
»Ich habe mich verirrt und bin in die Judenschule gekommen.«