Alle Kinder lachten, aber Fräulein von Zimmern verwies sie sofort zur Ruhe und wandte sich wieder an Gretchen:
»Noch etwas; du kommst aus der Volksschule und weißt daher noch nicht, wie man sich bei uns benimmt, wenn man in das Klassenzimmer eintritt. Ottilie von Lilienkron, geh zur Türe hinaus und zeige deiner neuen Mitschülerin, wie sie künftig einzutreten hat!«
Die Schülerin, die auf dem ersten Platz saß, erhob sich, ging zur Türe hinaus, kam dann leisen Schrittes auf Fräulein von Zimmern zu, machte eine kleine Verbeugung und sprach: »Guten Morgen, Fräulein von Zimmern.«
»So wirst du von morgen an auch grüßen, merke dir das; ich bin gewöhnt, alles nur einmal zu sagen. Wer etwas vergißt, was schon gesagt wurde, bekommt eine schlechte Note.«
Gretchen fühlte sich höchst unbehaglich, während sie so vor der gestrengen Lehrerin stand und die Blicke aller Kinder auf sich gerichtet sah. Sie war froh, als Fräulein von Zimmern ihr endlich gestattete, ihren Schulranzen abzulegen; sie hörte, wie Ottilie von Lilienkron kicherte und leise zu ihrer Nachbarin sagte: »Die hat einen Bubenranzen an!« Aber so leise es auch geflüstert war, Fräulein von Zimmern mußte es doch gehört haben, sie sagte ruhig: »Ottilie, eine schlechte Note.«
Nun herrschte wieder lautlose Stille in den Reihen der Schülerinnen.
»Nun, Gretchen, zeige mir deine Hefte, damit ich sehe, wie weit du gekommen bist!«
»Ich habe keine Hefte.«
»Ei, die hättest du mitbringen sollen!«