»So bist du die jüngste in dieser Klasse und mußt dir die größte Mühe geben, um dich darin halten zu können. Merke dir das!«
Jetzt endlich führte Fräulein von Zimmern Gretchen an ihren Platz. Er war auf der hintersten Bank, aber in diesem Augenblick war es Gretchen ganz gleichgültig, ob sie vornen oder hinten sitzen sollte, sie hatte nur den einen Wunsch, daß man nimmer auf sie achten und ihr nichts mehr anbefehlen möchte, das sie sich merken sollte!
Der Unterricht begann. Die Schülerinnen waren freilich viel weiter als Gretchens ehemalige Schulkameraden; als es aber ans Lesen ging, bemerkte Gretchen mit Erleichterung, daß doch manche noch nicht so geschickt darin waren wie sie. Nachdem alle anderen gelesen hatten, mußte eines der Mädchen ihr das Buch reichen, die Reihe kam an sie. Gretchen gab sich nun Mühe, wie sie sich wohl noch nie gegeben hatte, seit sie lesen lernte, und sie brachte einen langen Satz ganz ohne Anstoß heraus.
Die Stimme von Fräulein von Zimmern klang nun schon etwas milder denn vorher, als sie sagte: »Das Lesen geht nicht übel, nur mußt du auch Ausdruck hinein legen, merke dir das!«
Die Stunde verlief sehr ruhig. Fräulein von Zimmern zankte nie, nur hie und da rief sie eines der Kinder mit Namen und fügte hinzu: »Eine schlechte Note.« Gretchen wußte manchmal gar nicht weshalb, sie merkte aber, daß es den Mädchen sehr zu Herzen ging und es bei der einen und anderen stille Tränen gab.
Mit dem Schlag zehn Uhr erklang im Vorplatz ein lautes Schellen. Die Kinder räumten ihre Bücher weg, verließen still ihre Plätze und gingen eins nach dem andern, in derselben Ordnung wie sie in den Bänken gesessen waren, zur Türe hinaus. Gretchen folgte als letzte. Kaum hatte sich aber die Türe hinter ihnen geschlossen, so war die Schar da draußen gar nimmer zu erkennen. Sie stürmte so fröhlich und lachend die Treppe hinunter, als müßte sie sich entschädigen für die ausgestandene Ruhe; gleichzeitig kamen auch aus den anderen Klassenzimmern Kinder heraus und bald füllte sich der Schulhof mit lustigen Mädchen jeden Alters.
Gretchen bemerkte aber, daß nicht alle gleich in den Hof gingen, sondern daß manche vorher in ein Zimmer im untern Stock traten, aus dessen offener Türe ihr ein angenehmer Duft entgegen strömte. Neugierig blickte sie hinein.
»Willst du auch etwas?« redete Ottilie sie an.
»Was gibt es denn da?« fragte Gretchen und trat in das Zimmer.
»O, da kann man alles haben, was man nur will, Bretzen, Schinkenbrötchen, Fleischbrühe, Milch, Schokolade, Eier, du darfst nur sagen, was du willst.«