»Und doch will mir's niemand sagen?« fragte der Pfarrer fast traurig.
Gretchen, die in großer Verlegenheit ihr Köpfchen gesenkt hatte, schlug nun ihre Augen auf, sah in das gütige Gesicht des Mannes und sprach: »Ich kann's auch selbst sagen. Ich habe Sie am Fenster stehen sehen und nicht gekannt und dann habe ich gefragt: ›Was will der Mann?‹«
Nun erhob sich ein lautes Gelächter.
»So, das war's, das hast du gefragt? Da hast du recht gehabt. Wenn zu mir ein Fremder ins Haus kommt, dann denke ich auch gleich: was will der Mann? Und nun, was habt ihr denn geantwortet?« fragte der Pfarrer, indem er mit ernsten Blicken von einem der Mädchen zum andern sah. Da verstummten alle. »Nun, Ottilie, was will der Mann?« fragte der Pfarrer eindringlich, und als Ottilie die Antwort schuldig blieb, wandte er sich bald an diese, bald an jene und wiederholte immer dringender die Frage. Nun waren die andern ebenso in Verlegenheit wie vorhin Gretchen.
»Ei, sieh, sie wissen's alle nicht und kennen mich doch schon so lange! Nun, so will ich dir's selbst sagen: Der Mann will euch vom lieben Gott erzählen, er will euch helfen, daß ihr recht fest in eurem Christenglauben werdet und will euer Herz mit Liebe zu Gott erfüllen, damit ihr auch unter einander recht liebreich seid! Das will der Mann, und willst du dies alles bei ihm lernen?«
»Ja, o ja!« rief Gretchen und sah mit innigem Vertrauen zu dem Mann auf, der schon ihr ganzes Herz gewonnen hatte. Den andern aber war das Lachen vergangen, sie setzten sich still an ihre Plätze und der Unterricht begann.
Während der ganzen Stunde konnte Gretchen kein Auge von dem Pfarrer verwenden, der gar herzlich mit den Kindern zu reden verstand und auch an sie oft eine Frage richtete. Sie fühlte sich ganz glücklich, wenn sie eine richtige Antwort zu geben wußte, und als am Schluß der Stunde der Pfarrer ihnen sagte, was für ein Lied sie für das nächste Mal auswendig lernen sollten, da horchte sie genau auf und fest stand ihr Entschluß: für diese Stunden ihre Aufgaben immer fehlerlos zu lernen.
Draußen ertönte nun wieder die Glocke, der Pfarrer ging und die Mädchen eilten alle aus dem Zimmer, aber diesmal nicht hinunter in den Hof, sondern eine Treppe weiter hinauf. Gretchen wußte nicht, was sie dort wollten, aber sie dachte: was die andern tun, tue ich auch, und sie folgte ihnen. Da wandte sich Ottilie auf der Treppe um und sagte: »Was willst denn du, du hast doch nichts zu holen? Läufst du uns nur immer so nach?« Da blieb Gretchen zurück; ganz allein stand sie an der Treppe und wußte nicht, was sie sollte. Aber Hermine Braun, die schon weiter oben war, hatte die unfreundlichen Worte Ottiliens gehört. Im Augenblick sprang sie noch einmal die Treppe herunter, nahm Gretchen an der Hand und sagte: »Komm du nur mit mir, wir holen dort oben unsere Körbchen; wenn du auch noch keines hast, so zeige ich dir einstweilen den Platz, wo sie hin gehören. Wir haben nämlich jetzt Handarbeitstunde von Fräulein Klingenstein.«
»O, auf die Handarbeit fürchte ich mich, ist Fräulein Klingenstein gut?«