Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen gelassen?«
»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.«
»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf. Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen.
Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im Glas, bis Hermann einen herein brachte.
Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden, das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an einem Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit ansehen.
»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach, siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann, kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann, komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins Zimmer. Hermann schaute – aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.
»Was meinen Sie?«
»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es. Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei der Inspektion getadelt wird.«
»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das Staubtuchkörbchen.«
Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt – in einem Tage lernt sich die Ordnung nicht!