Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße, seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den ersten Schmerz gebracht.

Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus einem Mund riefen sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?«

»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.«

»Was hat’s gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an.

»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet, und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre, fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr.

»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«

»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das, ich kann eben kein Apotheker werden.«

Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker, der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.

Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!«

»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«