I.

»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.

»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite. In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden, sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.

»Mir ist’s gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,« sagte Heinrich.

»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht, wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad.

»Das müssen sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus vertreiben!«

»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die Haushaltung führen?«

»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige Schwesterchen, fünf Jahre alt.

»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?«

»Zu irgend welchen Verwandten.«