Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh, Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen. Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe. Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig packte er seinen Kram zusammen.
Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.
Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das reinste Kind.
Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.
Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem Jungen die Hand und fragte: »Wie geht’s, kleiner Geschäftsmann?« »Wie geht’s« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will; aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und seinem Blick das Zutrauen: »Zeig’ du mir, wo der Weg weitergeht.« Und Ulrich Wagner machte den Wegweiser.
Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen getäuscht.
Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.