»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre Leiter ist nicht lang genug.«

»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur eine entlehnen.«

»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken, das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und hole Brot.«

Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete den Frühstückstisch.

Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen, das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses, Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten wird.«

Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte. Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war, wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.

Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag angebrochen.

»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.

»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn ich wiederkomme?«

»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und dann Hänschens Bauernanzug.«