Ein Wunderkind.

Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen können.

Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte, was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht’s nicht,« entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann auch lang warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen, er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. – Nun trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte, daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt, Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause auch schon genäht habe, woher er’s könne usw., aber es war aus dem Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat’s ihm der Schneider zulieb und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh’ ich, komm du nur ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«

Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat, um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte: Verdirbt er’s, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb nichts und kam nun alle Tage.

Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die Augen zu. »Was ist’s heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!« und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß so laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht, sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht an deiner Jacke zurecht.«

Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin: »Geld will ich nicht, ich will Tuch!« Der Schneider kam wieder zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur zufrieden, jetzt ist’s schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh’ ich nicht, ich will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch zu liefern und ging.

Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.

Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.