Mutter und Tochter.
Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten, denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover.
In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren Lebensweg gemeinsam zu gehen.
Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?«
»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte er.
»Ist sie groß für ihr Alter?«
»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.«
»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?«
»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße begegnet?« fragte sie.