Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn und sah sehr begierig zu ihm auf.
»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.«
Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie, »das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder wechseln, die bleibt dann doch!«
»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater.
»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte Berta.
»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir verlangt.«
»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die Schrecklichste!«
»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen, die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen; denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen. Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.«
»Mir ist’s selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.«
Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte, sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den Freundinnen plaudern.