Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich, mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf.

»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir’s noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig durch das lange, verwirrte Haar.

»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt? War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen, kastanienbraunen Haares?«

»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta.

»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst aber ist es ja noch gar nicht möglich.«

Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb. Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist’s heute schwerer ums Herz gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige Gedanken?«

»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.«

»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude? Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie ein gutes Mädchen?«

»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen.

»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die Mutter.