Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann so erfreut, wie wenn der Kunde schon sein Kunde wäre und lief eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.
»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.« Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung, inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas.
»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre die Ladenglocke.«
In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen, Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen einzuwickeln. »Sieh zu und mach’s nach,« sagte der Apotheker zu Hermann und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte lachend: »Der ist scheint’s nicht der geschickteste.« »Er ist neu eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln.
Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,« sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal vorkommt!«
Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor, als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte.
»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht gelernt.«
»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte. Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer oben im Dachraum ausgebaut war.
Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann.
»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.«