"Es wird aber nicht mehr schlimmer bei ihr, Onkel," versicherte Marie, "ich war mit ihr beim Arzt, er sagt, es kann sogar eher ein wenig besser werden."
Sie sammelten sich um den Tisch. "Mutter," bat Wilhelm, "du hast einmal ein Tischgebet gewußt, das müßte heute gut passen und dem Onkel gefallen, es kommt etwas vom vielverheißenden Tisch vor, weißt du nicht, welches ich meine?"
Frau Pfäffling wußte es wohl und sprach es:
In größerem Kreise stehen wir heute
Am Gutes verheißenden festlichen Tisch.
Aber die richtige fröhliche Stimmung
Die mußt auch heute Du, Herr, uns geben.
Nahe dich freundlich jedem von uns.
Drei Tage blieb der Onkel im Haus und beobachtete oft im stillen seine Neffen und Nichten. Er hatte ihnen ein Spiel mitgebracht, an dem sich alle beteiligen konnten. "Ich will es den Kindern lehren," sagte er, "die meinigen haben es auch, es ist ein Tischcroquet, ein nettes Spiel, bei dem es nur leider gar zu leicht Streit gibt unter den Spielern." Sie machten sich mit Eifer daran und trieben es täglich fast mit Leidenschaft. Sie achteten dabei nicht auf den Onkel, der, hinter der Zeitung sitzend, seine Beobachtungen machte. "Wir müssen die zwei Parteien so einteilen, daß die guten und schlechten Spieler gleichmäßig verteilt sind," sagte Karl. "Nimm du Frieder auf deine Seite, Wilhelm, der ist am ungeschicktesten, und ich will Anne auf meine Partei nehmen, sonst können die nie gewinnen." So war es allen recht und das Spiel auf seinem Höhepunkt, als Frau Pfäffling hereinkam.
"Kinder," sagte sie, "Walburg hat wieder kein Holz, laßt euch doch nicht immer mahnen." Schuldbewußt legten zwei der Spieler ihre Schläger aus der Hand und gingen hinaus. Der Onkel sah aufmerksam hinter seiner Zeitung hervor. Das Wort: "Laßt euch doch nicht mahnen" schien noch weiter zu wirken. "Hat jemand des Vaters Brief auf die Post getragen?" fragte Marie. Niemand meldete sich. "Das könntest du besorgen, Frieder," sagte die Schwester, "Elschen geht mit dir." So entfernten sich auch diese Beiden. Die andern spielten weiter, Frau Pfäffling setzte sich ein wenig zu ihrem Bruder. Sie sprachen halblaut zusammen. "Es ist rührend," sagte der Bruder, "wie sich diese Lateinschüler so selbstverständlich zum Holztragen verpflichtet fühlen und ohne Widerspruch das Spiel aufgeben. Das täte meiner nie, wie hast du ihnen das beigebracht?"
"Das bringen die einfachen Verhältnisse ganz von selbst mit sich. Die Kinder sehen, wie Walburg und ich uns plagen und doch nicht fertig werden, so helfen sie mit."
"Mir, als dem Juristen, ist wirklich euer kleiner Staat interessant und ich sehe ordentlich, wie aus solcher Familie tüchtige Staatsbürger hervorgehen. Wie die Starken sich da um die Schwachen annehmen, wie sie ihr eigenes Ich dem allgemeinen Ganzen unterordnen und welche Liebe und widerspruchslosen Gehorsam sie den Eltern als dem Staatsoberhaupt entgegenbringen, wohl in dem Gefühl, daß sonst das ganze System in Unordnung geriete. Dazu kommt auch noch, daß dein Mann ein so leutseliger Herrscher ist und du bist sein verantwortlicher Minister. Das muß ich dir sagen, wenn ich nun eines eurer Kinder zu mir nehme, in ein so geordnetes Staatswesen kann ich es nicht versetzen."
Die Kinder hatten nicht auf das leise geführte Gespräch gehorcht; was kümmerte sie, wenn vom Staat die Rede war? Aber die letzte Bemerkung des Onkels, die traf Maries Ohr, die erfaßte sie. "Wenn ich eines eurer Kinder zu mir nehme," hatte er gesagt. Sie hätte es offenbar nicht hören sollen, es war nur halblaut gesprochen. Zunächst ließ sie sich nichts anmerken, aber lange konnte sie diese Neuigkeit nicht bei sich behalten. Nach Tisch fanden sich die Geschwister alle unten am Balkenplatz zusammen. Dort konnte man sich aussprechen und Marie vertraute ihnen an, was sie gehört hatte. Das ganze Trüppchen stand dicht zusammengedrängt und besprach in lebhafter Erregung die Möglichkeit, fortzukommen. Verlockend war das Neue, lieb war das Alte. Wer ginge gern, wer ungern? Sie waren zweifelhaft. Wen würde der Onkel wählen? Ein jedes meinte: "Sicherlich nicht gerade mich." Das war die Bescheidenheit. Aber einer, der doch auch nicht unbescheiden war, der Frieder, sagte: "Ganz gewiß will er mich mitnehmen." Das war die Angst, denn Frieder wollte nicht fort, für ihn gab es da nichts Zweifelhaftes, er wollte daheim bleiben, er fürchtete die fremde Welt. Und da er so bestimmt aussprach: mich will er mitnehmen, so glaubten ihm die Geschwister. Schon einmal war er das fremde Kind gewesen, vor die Türe gewiesen mit der Violine. Von jeher war er ein wenig allein gestanden. Nun schauten ihn alle darauf hin an, daß er fort von ihnen sollte. Sie sahen das gute Gesichtchen, die seelenvollen Augen, die angsterfüllt von einem zum andern blickten, und da wurden sich alle bewußt, daß sie doch den Frieder nicht missen mochten. Karl war es, der aussprach, was alle empfanden: "Unser Dummerle geben wir nicht her!"
Oben, am Fenster des Musikzimmers, stand der Professor im Gespräch mit Herrn Pfäffling und seiner Frau. Nun trat er an das Fenster und sah hinunter, "Dort steht ja das ganze Trüppchen beisammen," sagte er, "eines dicht beim andern, keinen Stecken könnte man dazwischen schieben! Es ist köstlich anzusehen! Und wie sie eifrig sprechen!"