"Meine Töchter?" fragte Herr Pfäffling verwundert. "Sie meinen die Marianne? Das sind doch keine Brautfräulein? Da müssen Sie mit meiner Frau sprechen."—

Der Tag war gekommen, an dem Frau Pfäfflings Bruder eintreffen sollte. Alle Hände hatten sich fleißig gerührt, um für das Osterfest und zugleich für den Gast das Haus festlich zu bereiten. Die letzten Spuren des langen Winters waren mit den trüben Doppelfenstern, mit Kohleneimern und Ofenruß aus den Zimmern verschwunden, die Frühlingssonne durfte die hintersten Winkel bestrahlen, Walburg brauchte die Prüfung nicht zu fürchten, alles war blank und rein. Eine mühevolle Zeit war das gewesen, aber nun war sie glücklich überstanden, Feststimmung breitete sich schon über das Haus und heute sollte der Gast ankommen.

"Die Mutter sieht so aus wie am heiligen Abend vor der Bescherung," sagte Karl, als die beiden Eltern miteinander zum Bahnhof gingen. Ja, Frau Pfäffling freute sich innig. War das Zusammensein mit dem Bruder in der alten Heimat schön gewesen, so mußte es doch noch viel beglückender sein, ihn im eigenen Familienkreis zu haben.

Die Kinder daheim berieten, wie sie den Onkel empfangen, ob sie ihm alle miteinander entgegenkommen sollten? Sie entschieden sich aber dagegen, er war nicht an so viele Kinder gewöhnt, sie wollten sich verteilen und nur allmählich erscheinen, damit es keinen Lärm und kein Gedränge gäbe.

Als es Zeit war, standen sie alle an den Fenstern des Wohnzimmers und sahen begierig die Straße hinunter. Da tauchten schon die drei Gestalten auf, und jetzt waren sie deutlich zu erkennen. Der Onkel, fast einen Kopf kleiner als der Vater, ganz ähnlich der Mutter, nur nicht so schmal. Fein sah er aus im eleganten Reiseanzug und daß er eine voll gepackte Ledertasche in der Hand hatte, wurde von Elschen besonders hervorgehoben. Nun mußten auch die Kinder bemerkt worden sein, denn der Onkel winkte mit der Hand herauf, ja er schwenkte sogar den Hut als Gruß. Das machte einen gewinnenden Eindruck. "Wir springen doch entgegen, der ist gar nicht so!" sagte Wilhelm. "Nein, der ist nicht so," entschied der ganze Chor. Die sieben Kinderköpfe verschwanden vom Fenster, und vierzehn Füße trabten die Treppe hinunter. "Die Treppe ist frisch geölt," rief Marie, "geht an der Seite, daß sie in der Mitte schön bleibt!"

Nun kam die Begrüßung. Man war sich unbekannt und doch nicht fremd. Die Kinder berührte es merkwürdig, daß der Onkel der Mutter so ähnlich war, in den Zügen, in der Stimme und der Aussprache. Zutraulich begrüßten sie ihn, und auch er fand in ihnen lauter verwandte Gesichter, die einen seiner Schwester, die andern seinem Schwager ähnlich.

"Nun gebt die Treppe frei, Kinder," drängte Herr Pfäffling, "wir wollen den Onkel doch auch hinauf lassen." Sie machten Platz, und ließen den Gast voran gehen. Auf halber Treppe sah er zurück nach dem jungen Gefolge. "Wie komisch sie alle an der Seite gehen," bemerkte er zu der Mutter.

"Damit die Treppe in der Mitte geschont wird."

"Ah so!" sagte der Professor und sah sichtlich belustigt zurück. "Cäcilie, nun kenne ich deine Kinder schon. Die heißt du ungehobelt?"

Droben, im Wohnzimmer, war der Mittagstisch gedeckt. "Was für eine stattliche Tafel!" rief der Gast, und dann sah er erstaunt auf die ungewöhnlich große Gestalt Walburgs, die stumm die Suppe auftrug. "Ihr habt euch wohl eine besonders kräftige Magd ausgesucht für eure großen Schüsseln?" sagte er spassend zu den Kindern, "ist das die treue, stumme Dienerin? Wie schade um das Mädchen!"