Herr Pfäffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder in Händen hatte und sah, daß es besser war als die früheren, trat ihm wieder das Bild vor die Seele, wie der Kleine ihm die verhüllte Violine mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes übergeben hatte. Er war seitdem ein gewissenhafter und geschickter Klavierspieler geworden, aber die Liebe, die er zu seiner Violine und auch zu der Harmonika gehabt hatte, die brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem Herzen war er nicht dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine erwähnt. Ob sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater hätte es gerne gewußt, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der kleine Spieler seine Musikhefte beiseite räumte, redete er ihn darauf an.

"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir nicht mehr so leid, daß du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes Gesicht machte das Kind, als diese Wunde berührt wurde, dann antwortete er leise: "Ich möchte sie gar nicht mehr haben."

"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhören kann, wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du kannst nicht, Frieder? Du willst nur nicht, weil es dir schwer fällt; aber siehst du nicht, daß wir alle aufhören, wenn wir müssen? Meinst du, ich möchte nicht lieber selbst weiter spielen, als Fräulein Vernagelding Stunde geben, wenn sie jetzt kommt? Meinst du, die Mutter möchte, wenn sie nach Tisch in ihren schönen Büchern liest, nicht lieber weiterlesen als schon nach einer halben Stunde wieder das Buch aus der Hand legen und die Strümpfe stopfen? Und die großen Brüder möchten nicht lieber auf den Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben unter unserem Dach möchten nicht lieber für sich selbst Futter auspicken als ausfliegen und ihre Jungen füttern, wie es der liebe Gott angeordnet hat? Und der Frieder Pfäffling will allein dastehen auf der Welt und sagen: 'Ich kann nicht aufhören'? Nein, der müßte sich ja schämen vor den Tierlein, vor den Menschen, vor dem lieben Gott müßte er sich schämen!"

"Ich kann auch aufhören," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim Geigen nicht."

"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann mitten im Geigenstrich aufhören und das mußt du auch lernen. Gib dir Mühe, und wenn du dann fühlst, daß du einen festen Willen hast, so sage es mir, dann will ich dir jeden Sonntag für eine Stunde deine Geige geben."

Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem großen Schrank deutend, der in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit zärtlichem Ton: "Da innen ist sie!"

"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen Willen bekommt und sie erlöst aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind; Fräulein Vernagelding ist im Vorplatz, ich höre sie schon lange plaudern mit Marianne, ich weiß nicht, warum sie nicht herein kommt."

Unser Musiklehrer öffnete die Türe nach dem Vorplatz, die drei plaudernden Mädchen fuhren auseinander, Fräulein Vernagelding kam zur Stunde. Noch rosiger und lächelnder erschien sie als sonst, und hatte solch eine wichtige Neuigkeit unter vielem Erröten mitzuteilen! Die Karten waren ja schon in der Druckerei, auf denen zu lesen stand, daß Fräulein Vernagelding Braut war! Solch einen schönen, jungen, reichen, blonden Bankier hatte sie zum Bräutigam! Aber unmusikalisch war er leider sehr, denn obwohl sie ihm vorgespielt hatte, war er doch der Meinung, sie solle nicht mehr Klavier spielen.

"Grämen Sie sich darüber nicht," sagte Herr Pfäffling zu seiner Schülerin, "vielleicht ist er sogar sehr musikalisch."

"Meinen Sie?" fragte Fräulein Vernagelding, "das wäre schön! Und nicht wahr, wenn ich auch nicht mehr zur Stunde komme, bleiben wir doch gute Freunde und Ihre Fräulein Töchter müssen zu meiner Hochzeit kommen. Das gibt zwei süße Brautfräulein!"