Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er, "wir singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu gekommen." Er stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders frisch und fröhlich klang, das war Fräulein Bergmann zu danken!
14. Kapitel
Wir nehmen Abschied.
Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.
Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde.
Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während desselben geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen zeigen.
In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes. Doch nur für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht besser ausfiel als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm, schlimm auch um die Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht Karls Liebhaberei, der junge Lehrer und der Schüler hätten sie gleich gerne los gehabt. Darum strebten die Brüder gleich aufeinander zu, als die Klassentüre sich auftat und die Schüler herausdrängten. Über der andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne Karl sein Zeugnis hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl schon manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater noch zu erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als er die Jungen mit den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen sah, wußte er schon, daß es Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine Durchschnittsnote nötig?" fragte er und überblickte das Zeugnis, und war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder waren enttäuscht, nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein müssen. "Hast du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie.
"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind wir noch in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so vergnügt seid, ihr meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig, aber ganz kann ich euch noch nicht davon entbinden, Wilhelm könnte sonst gleich wieder rückfällig werden. Sagen wir einmal statt zweimal in der Woche." Sie machten lange Gesichter. "Und in den Osterferien gar keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte der Vater hinzu. Da heiterten sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens in den Ferien frei war, im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr in einem hin. Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die Schwestern begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust sämtliche Heftchen auf des Vaters Tisch ausbreiteten.
"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie Elschen ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die geheimnisvollen Ziffern zu deuten.
"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen Übermut hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a plus b ist? Das weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen Vierer." Von allen Seiten kamen nun solch verfängliche Fragen und es wurden ihr lauter Vierer prophezeit, bis ihr angst und bang wurde, sie sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du gibst mir dann jeden Tag Mathematikstunden!"
Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten sie eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug gekommen. Sie schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte.