Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine Weile im alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr selbst nur das Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts nützen konnte. Zugleich verschwanden auch die letzten Häuser und Anlagen der Stadt, freie, noch mit Schnee bedeckte Äcker und Felder tauchten auf, eine stille, einförmige Natur. Da machte sie es sich bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab sich darein, daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde.
Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann mit den Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war. Sie machten sich an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen geregelten Gang. Nur Elschen lief an diesem Vormittag mit Tränen durch die stillen Zimmer, die andern empfanden die Lücke erst so recht bei dem Mittagessen. Es verlief auffallend still. Eigentlich war ja Frau Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann und ihre Kinder waren lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben können, eine so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch gegeben. Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das zu tun machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch ein, daß Karl für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto und so nacheinander herunter, immer das ältere unter den Geschwistern dem jüngern. Anfangs machte es den Kindern Spaß, aber es ging nicht immer so friedlich und so säuberlich zu wie bei der Mutter, und Walburg wunderte sich, daß sie bald eine noch fast gefüllte, bald eine ganz leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein regelmäßiger Verbrauch mehr wie bisher.
Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten Abendstunden, wo sie allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe gerückt und wußten doch nicht viel miteinander anzufangen, so glich das Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die Vorschrift befolgt wird: Man bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser nach den ersten Tagen. Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese bildeten ein gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn.
Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes Wiedersehen zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht ganz ohne Wehmut. Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges Großmütterlein, das da im Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne Hilfe von einem Zimmer in das andere zu gehen! Und wiederum, wo war Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch deutliche Spuren hatte die Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen eingegraben!
Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach einigen Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden wieder die geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu trauriger Empfindung da, denn die alte Frau hatte keine Schmerzen zu leiden, sie genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege der unverheirateten Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die junge Frau, wenn man Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit solcher Liebe von ihrem großen Familienkreis und schien so gereift durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen deutlich zum Bewußtsein kam, das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit Köstliches gebracht.
Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde, die noch ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte die Schwester in das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte Gastzimmer, zog sie an sich, küßte sie herzlich und sagte: "Cäcilie, nun soll dir's gut gehen! Du wirst sehen, wie ich dich pflege!"
"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde."
"Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts tue ich lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen und herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das anschlägt, da kann man viel erreichen in vier Wochen."
Frau Pfäffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du das nicht in drei Wochen erreichen?"
"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?"