"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr sagen, aber es wird alle Jahre schlimmer."
"Geht sie nie zum Arzt?"
Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz gewiß, daß man ihr nicht helfen konnte.
"Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen," sagte der Arzt, "schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt daheim, das gehe auch noch in die alte Rechnung."
Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten sie sich, den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen sie es auch Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um sie handelte, und ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn euere Mutter zurückkommt, werde ich so frei sein."
Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören.
Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum gestrigen Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie volle acht Tage früher heimkommen würde, als verabredet war.
In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen vom Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen, diese letzte Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter.
"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme," sagte einmal Karl, "das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es denn so zeitig? Der Kalender gehört eigentlich mir." "Ich," sagte Frieder, "ich habe es manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir zum Frühstück gekommen?" Es wurde noch weiter nachgeforscht, und da stellte es sich heraus, daß Frieder immer schon abends den Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. "Du meinst wohl, es kommt dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?" sagte Karl und wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen Schulweg mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich so nahegerückt.
Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg; ja im Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die jungen Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat gesorgt und Walburg mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen. Während dieser Zeit wurde geklingelt und Elschen lief herzu, um aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn Pfäffling, dann nach dessen Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß sie alle fort seien, bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines Briefchen an Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von ihm, und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde. Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den Schreibtisch, wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte der Herr, "du kannst nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann, den Brief für deinen Vater lasse ich hier liegen." Elschen verließ das Zimmer. Nach einer ganz kurzen Weile kam der Herr wieder heraus.