"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam keine Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die Treppe hinunter und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben heraufkam.
"Wer war da?" fragte diese.
"Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins Ohr; weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen zu unbequem, Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim Mittagessen fiel ihr die Sache wieder ein und sie erzählte sie dem Vater. Dem kam es verdächtig vor. "Wo ist denn der Brief?" fragte er. Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu finden! Und wo war denn—ja, wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade jahraus, jahrein seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit allen sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum. Oft schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in dieser Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was die Familie Pfäffling am Leben erhielt.
Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich eingeschlichen, hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen, keinen Pfennig fürs tägliche Brot!
Walburg wurde hereingeholt und über den "Herrn" ausgefragt. Man brauchte ihr gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere Schublade, die bestürzten Gesichter sprachen auch für sie deutlich genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht und fragte bloß: "Gestohlen?"
Und nun flogen Vorwürfe hin und her.
"Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den Schreibtisch!" warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. "Es war ja gar kein Dieb, es war ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie nahm sie in Schutz. "Sie kann nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein Holz getragen habt, wegen euch hat Walburg hinunter gemußt!"
"Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken lassen!" rief Herr Pfäffling immer wieder.
Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder wagte zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir wollen ihr schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal niemand zu beruhigen, es war so traurig, zu denken, daß man sie mit solch einer Botschaft empfangen sollte! Karl und Marie hatten leise miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie jetzt, "wir alle zusammen haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März kommt wieder dein Gehalt. Wir sparen recht."
"Ja, ja," sagte Herr Pfäffling, "verhungern müssen wir nicht, ich habe auch noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die Steuer zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel abgezogen hätte, wäre vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt hin und wieder, bis ihn ein Wort Walburgs stillstehen machte, das Wort: Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Dieb ausfindig gemacht werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden konnte. Ja, sofort Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. Elschen sollte mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur schnell, schon waren viele Stunden verloren!