Aus den ersten Wochen ihrer Ehe ist ein Brief von Frau Brater an ihre Freundin Lina Rohmer erhalten, mit der sie in rückhaltsloser Offenheit zu verkehren pflegte. Dennoch würden wir vergeblich in diesem Brief Andeutungen über die erwähnten Schwierigkeiten mit ihrem Manne suchen, denn das Verhältnis zu ihm war ihr viel zu heilig, als daß sie irgend jemandem darüber geschrieben hätte; erst in späten Jahren, als das alles längst hinter ihr lag, sprach sie wohl davon zum Nutz und Frommen anderer. Nur zwischen den Zeilen können wir lesen, daß die junge Frau sich noch nicht vollständig in ihrer Lage zurecht gefunden hatte. Sie schreibt:

Liebe Line!

Du weißt, daß ich mich bereits über drei Wochen hier in Nördlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz eingewöhnt, auch möchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen, die mich so respektvoll »Frau Bürgermeister« nennen, denn wahrhaftig, wenn’s einem Menschen respekteinflößend zu Mute ist, so bin ichs gewiß nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren Übergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das fühle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin doch die glücklichste Person von der Welt. Ich habe die Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug hat’s gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu können und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl ist den Tag über fast immer auf dem Bureau, von morgens ½9 Uhr bis abends 6 Uhr ist er höchstens eine Stunde oben, dafür bleibt er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr frühstücken, bleibt er auch da bis ½9 Uhr. Mein Hans kommt ziemlich fleißig, denn es gefällt ihm so allein gar nicht auf seiner Bleiche. –

In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine Familienchronik geführt, in die bald er, bald sie Einträge machten. Am 9. Mai schreibt darin Pauline:

»Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer bloß an mich allein ergehen; denn in Nördlingen sind bloß die großen Damen-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging ich mit großer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die Ordnung immer mehr her, wir führen ein ziemlich regelmäßiges Leben. Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht’s schon eher, weil sie weiß, was sie zu tun hat und alles von selbst tut, wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht’s mit Zittern und Beben.«

Am 26. Mai. »Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden Brüder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr vergnügt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns überhaupt die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grün und wir sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus München als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon große Untugenden blicken lassen und macht mir großen Kummer, ich will’s jetzt keiner Frau mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mägden spricht, denn ich werde es nächstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.«

10. Juni. »Es waren wieder allerlei Gäste da, die uns gewöhnlich durch die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen gefürchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, überhaupt werde ich mich nächstens daran gewöhnen, alle Gäste ohne Angst zu erwarten. Wir haben uns jetzt wunderschöne Reisepläne gemacht für nächsten Herbst, Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurück. Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei Hindernisse in den Weg stellen, das wäre ein unendlicher Jammer, besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.«

Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezüglich, deutet auf dessen stilles Liebesverhältnis hin:

»Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Fräulein Agnes v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere hätte sich sehr dafür interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach München gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.«

Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt, so war doch der Besuch ein Beweis, daß das junge Mädchen ihm treu blieb, so gering auch die Hoffnung war, daß der adelige Vater je nachgeben würde.