Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel Beachtung schenken, aber Pauline paßte sich der Art an, die ihrem Manne sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtsträger:
»Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als pater familias und recht eigentlich im ›Schoß‹ meiner eigensten Familie gefeiert habe. Pauline hat sich die festlichen Gebräuche angeeignet, die ich vom elterlichen Haus her gewöhnt bin und nicht gern vermissen möchte. Sie hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid beschenkt.«
Auch in einem Briefe nach Erlangen erwähnt er desselben Geburtstags:
»Liebe Mutter!
An meinem Geburstag früh, während wir noch beim Kaffee beschäftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter liebenswürdiger Heftigkeit durchwühlt wurde. Sie geriet über jeden Fund in Entzücken und meine soliden Dankbarkeitsgefühle wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser gestellt...«
Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen Gattin gezeigt haben, müssen wir jetzt den Bürgermeister in seiner Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild.
Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfüllt von nationaler Begeisterung, die Bürgermeisterstelle in Nördlingen angenommen hatte, war dies geschehen in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen Sache ersprießliche Dienste leisten zu können. Aber der Anfang der 50er Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen fühlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungspräsident von Augsburg, zu dessen Bezirk Nördlingen gehörte, stand an der Spitze der reaktionären Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Bürgermeister sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde nichts vergeben, sich nicht einem Willkürregiment beugen, das die Selbstverwaltung der Stadt beeinträchtigt hätte. Obgleich er dabei nur das Wohl von Nördlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt selbst eine, wenn auch kleine, reaktionäre Partei, die durch Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich höheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung unbequemen Bürgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete:
»Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionären Partei, die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhörliche politische Denunzationen ganz gefangen hat. Die große Mehrheit ist auf meiner Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.«
Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische Tätigkeit für Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der Riß zwischen ihm und dem Regierungspräsidenten immer größer und man hatte nicht übel Lust, ihn als Hochverräter in Untersuchung zu ziehen. Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen doch die Verhängung einer Disziplinaruntersuchung gegen den Bürgermeister und die Mehrheit der Magistratsräte. Aber es stellte sich heraus, daß die Geschäftsführung des tüchtigen, gewissenhaften Juristen musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzüge der gewissenhaften Art ihres Mannes erkennen.
Der Sommer rückte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gästen und mitten unter diesen wird der Regierungspräsident v. Welden genannt. »Er kam,« schreibt Brater, »mit der Idee, mich durch gemütliches Räsonnement und große Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm manchmal unbequem wird, heraus zu manöverieren. Wir sprachen lang und sehr unumwunden über die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Güte, mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkürliche Regierungsmaßregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat – eine sehr charakteristische und für einen von uns beiden gewiß ehrenvolle Bemerkung.«