In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn früher fleißig aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht mißliebig zu machen, ist ihm seine junge Frau zur verständnisvollen Bundesgenossin herangewachsen. Nun erst erfaßte sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff sie eine hohe Begeisterung für seine edeln Grundsätze, sein unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefühl, sich selbst, ihr materielles Wohl vergaß sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten.
Meinten da und dort ängstliche Leute: »Ja, wenn er noch allein wäre – aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden« – so empfanden die beiden ganz anders und wußten es besser. Nur im festen Zusammenschluß, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kämpfen und Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wäre er durch diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mürbe geworden, mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so recht die Verhältnisse, in denen eine wahre Ehe ihren höchsten Wert zeigen kann.
Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Bürgermeisteramt. Das Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war die Haushaltung in der Auflösung begriffen; am 26. Dezember verließ unser Paar die staatlichen Räume und zog hinaus auf die Bleiche.
Zielbewußt und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der politischen und volkswirtschaftlichen Tätigkeit für sein Vaterland zu. Er beriet sich zunächst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhändler Karl Beck und gründete mit ihm die »Blätter für administrative Praxis«, eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war und welche noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, wenn auch in veränderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleiße saß er in dem bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb.
Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden begrüßt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgänger Teil am Haushalt der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der Ödigkeit des Wirtshauslebens befreiend.
Die »Prinzessin«, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen Haushalts paßte, ward entlassen, bescheidene Bedienung genügte für die kleinen Räume.
Im Februar traf, um Großmutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein. Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher geborgen glaubte, einreihen müssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche aus:
»Ich kann wohl sagen, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten, und daß Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinübergegangen sind. Daß Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon hat er Proben, auch fürchtet er, daß sie es lange werden anstehen lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhält und bis durch solche (schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine Haushaltung erfordert, da gehört doch große Anstrengung dazu. Aber man hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen können und so wird zuletzt auch alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brüderlich, er wohnt jetzt oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stübchen eine Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer. Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl denken, wie wir uns behelfen müssen und wie groß der Unterschied ist mit ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht heiter und ich habe sie nie klagen hören.«
Daß in dieser Zeit notwendiger Einschränkung und Sparsamkeit keinerlei kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende Kindlein zu empfangen, läßt sich denken, doch trat hier Frau Senning, die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer freundlichen Gesinnung hat Frau Brater später manchmal gedacht und sich erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zögernd ihr Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie möchte diese, wenn es die junge Frau nicht übel nähme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach lag in der geborgten Wiege ein niedliches Töchterlein.