Das erste Kind! Mit Stolz trägt der Vater am 27. Februar 1851 die Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses Geschöpfchen – anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatsächlich verleiht es gleich die höchsten Würden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer wollte es bestreiten, daß es eine Würde ist? Wird doch nichts auf Erden so hoch eingeschätzt wie eben das Menschenleben. Im Gefühl des Volkes, in der Gerichtsbarkeit, überall steht es oben an. Gilt es eines aus der Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverständlich, die größten Opfer gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollständig diesen jungen Eltern überlassen und anvertraut. Würde und Bürde sind hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen Ankömmling, der ihm gehört und den er doch nicht zu behandeln versteht; weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von der Natur sofort angewiesen ist.
Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater an seine Schwester Julie:
»Das Fräulein ist nach Angabe der Sachverständigen überaus schön, ungewöhnlich stark und bereits liebenswürdig.« Und später: »Ich hätte Dir noch einiges Anziehende über das Thema: Pauline als Mutter vorzutragen, aber da sie eben erklärt, daß sie diesen Brief lesen werde, um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches über ihr Kind eingeflossen ist, so muß ich mir natürlich solche Dinge versagen.« Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: »Ich könnte Dir noch erzählen, was für eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bündel habe, wenn ich nicht dächte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut es eben möglich ist. Übrigens glaube ich nicht, daß andere Leute auch eine so große Freude haben, es könnte sonst nicht auffallend sein, wenn man auf der Straße hie und da ein paar Luftsprünge machte, juhe! schrie oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als Liebenswürdigkeit entdecke, so müßtest Du ja denken, daß ich bereits mit dicker, mütterlicher Blindheit geschlagen sei.«
Seliger als sie sich nun fühlte, hätte die junge Mutter auch in der früheren vornehmen Amtswohnung nicht sein können. Dicht nebenan der Mann, unablässig fleißig und doch wenn sie in sein Zimmer trat, gern bereit, die Feder wegzulegen und sich durch ein paar Worte mit ihr zu erfrischen oder sich von den wunderbaren Fortschritten des »Annakindes« berichten zu lassen. Und jeden Abend, wenn er seine anstrengende Tagesarbeit vollbracht hatte, saßen sie beisammen, plauderten und freuten sich aneinander. Das Kind mußte um diese Zeit zur Ruhe gebracht sein, den Feierabend der Eltern und ihr gemeinsames Lesen sollte es, wenn irgend möglich, nicht stören. Im ersten Winter waren es die historischen Dramen von Shakespeare, die sie gemeinsam genossen. Auch Mittags gab es eine regelmäßige Arbeitspause; wenn die verschneiten Bleichwege nicht verlockten zum Spazierengehen und doch das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung vorhanden war, so wurden Federbälle und Raketen herbeigeholt und Volant geschlagen. Pauline war geschmeidig und behend in all ihren Bewegungen, und die beiden brachten es in dieser Kunst zu solcher Fertigkeit, daß sie mit drei Bällen zugleich schlagen konnten, und es ein Spaß war zuzusehen, wie die gefiederten Bällchen durch die Luft flogen.
So fühlte sich das junge Paar glücklich und vergnügt, während vielleicht mancher die armen Leutchen, die da draußen auf der Bleiche eingeschneit waren, bedauerte. Übrigens konnte von Armut im gewöhnlichen Sinne bald nicht mehr die Rede sein, denn eine Arbeit nach der andern, geschätzt und begehrt, kam aus der Feder des gedankenreichen Mannes. Er hielt seine Arbeitszeit ein, Tag für Tag mit einer Gewissenhaftigkeit, wie es nur wenige junge Männer ohne jeglichen äußeren Zwang durch Vorgesetzte oder Vorschriften zustande bringen würden. Es ist kein Wunder, daß die Gattin nun nicht mehr aufbegehrte über die Pedanterie des Gatten, daß diese treue Pflichterfüllung ihr vielmehr die größte Hochachtung einflößte. Zugleich aber auch einen Zorn gegen diejenigen, die solch einen Mann nicht anstellen wollten und neuerdings seine Bemühungen um eine Advokatur zurückgewiesen hatten. Nahm er das ruhig hin, so sprach sie in um so kräftigeren Ausdrücken ihren Unwillen über die »schändliche Bande« aus. Sie war ohnedies als Schwester von fünf Brüdern an mancherlei nicht gerade zarte Ausdrücke gewöhnt, und wenn solche gleich in der Familie Brater verpönt waren, so wartete der Mann doch geduldig, ob sie sich allmählich von selbst verlieren würden, denn das unmittelbare Wesen seiner Frau war ihm viel zu köstlich, als daß er es durch Korrekturen hätte beirren mögen. Ganz hat sie die kräftigen Ausdrücke bis in ihre alten Tage nicht verloren, so lebhafte Naturen wie die ihrige müssen sich offenbar in Ausnahmefällen Luft machen und kommen ohne ein gelegentliches »Donnerwetter« nicht aus.
An ihre Schwägerin Julie schreibt Pauline in dieser Zeit: »Karl benimmt sich so ziemlich wie ein Fisch in dieser Angelegenheit, ich rechne nur auf Verjährung meines Grimms.«
Noch im September dachte die junge Familie nicht anders, als daß sie den Winter auf der Bleiche zubringen würden, da erhielt Brater unerwartet eine Aufforderung von der Zeitung »Der Nürnberger Korrespondent«, beim Wiederbeginn des Landtags in München die Berichterstattung über dessen Sitzungen zu übernehmen. Die pekuniären Bedingungen waren günstig, rasch wurde der Entschluß gefaßt, für den Winter nach München zu übersiedeln. Während Pauline die nötigen Zurüstungen zum Umzuge traf, reiste der junge Ehemann voraus, um Quartier zu machen für sich und die Seinen. Die kurze Zeit, die er allein in München zubringen mußte, währte ihm schon zu lang. Er schreibt am 30. September 1851 an seine Frau:
»Mein Schatz, sind wir auch wirklich kopuliert? Es ist mir in dieser einsamen Stube ganz junggesellig und unter der Fürsorge unserer würdigen Schneiderin recht zimmerherrlich zumute«... Es folgt nun eine Beschreibung der gemieteten möblierten Wohnung und genaue Anweisungen über alles, was zur Ergänzung mitzubringen sei. Der Schluß lautet: »Studiere und exekutiere diesen Brief sorgfältig, fahre bei schlechtem Wetter II. Klasse, trinke in Augsburg Kaffee, komme wenn menschenmöglich schon Donnerstag, melde Dich zuvor an, sei unbesorgt um Milch, Holz und Magd und behüt Dich Gott, denn dieses Junggesellenbewußtsein habe ich satt und sehne mich von Herzen nach Euch!«
Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß die Reise am Donnerstag »menschenmöglich« gemacht wurde, denn flink und praktisch war die junge Frau wie nicht leicht eine zweite, hielt sich auch nicht mit unnötigen Bedenken auf und konnte in solchen Fällen, wie man sagt, »fünfe gerade sein lassen«.
So kam sie nun zum erstenmal nach München, in die ihr noch unbekannte große Stadt. Die drei möblierten Zimmer boten nicht sonderlich viel Behagen und ganz ungewohnt waren ihr die einsamen Stunden, in denen der Gatte nicht wie bisher daheim arbeitete, sondern den Kammersitzungen beiwohnte. Es schien für sie ein unerfreulicher Winter zu werden. Aber bei der Nachricht von der Übersiedlung faßte ihre Schwiegermutter den Entschluß, mit der jüngsten Tochter Emilie, die sich in der Musik ausbilden wollte, für die Wintermonate nach München zu kommen. Es fanden sich Zimmer für sie im gleichen Haus und so konnte gemeinschaftliche Wirtschaft geführt werden; die gütige Nachsicht der älteren Frau Brater, der fröhliche Humor der jüngeren, die Freundschaft zwischen den beiden Schwägerinnen, die gemeinsame Freude an der kleinen Anna brachten es zustande, daß alles in schönster Harmonie zusammenklang. Ein längerer Eintrag des Familienvaters in der Chronik erwähnt auch den geselligen Verkehr der Familie.