»Sylvesterabend 1851. Unser geselliger Verkehr ist ziemlich beschränkt. Gemeinschaftlich trinken wir von Woche zu Woche einmal im Ennemoser[2]schen Hause Tee oder haben diese Familie bei uns. Der Verkehr mit Rohmers (es ist hier der verheiratete Philosoph Friedrich Rohmer gemeint) wird nur durch mich lebhaft unterhalten. Bei Thiersch[3] und Schubert[4] sind Besuche gemacht worden, welche die üblichen Gegenbesuche und dann und wann eine Einladung zur Folge haben ....
[2] Ennemoser hatte als magnetischer Arzt und durch wissenschaftliche Arbeiten über Magnetismus in München großen Ruf.
[3] Friedrich Thiersch, bedeutender Philologe.
[4] Gotthilf Heinrich Schubert, Naturforscher.
Im Kind entwickeln sich Anwandlungen von Menschenverstand und Sprechlust, auch kriecht es vierfüßig mit ziemlicher Gewandtheit und befaßt sich mit den Anfangsgründen des Laufens. Es hat die mütterliche Lebhaftigkeit ererbt. Im künftigen Neujahrsbericht hoffe ich das Gedeihen eines zweiten kleinen Geschöpfes, das mit der väterlichen Sanftmut und verkannten Gemütstiefe ausgestattet ist, notieren zu können.
Mein Gewerbe ist geistig und bisweilen auch körperlich ermüdend. Monate lang Tag für Tag und Zug für Zug der Abspiegelung einer bodenlosen politischen Misere als notgedrungener, aufmerksamer Beobachter folgen zu müssen, ist eine Tortur, welche die standhafteste Apathie schwer erträgt. Daneben erübrige ich jedoch noch die erforderliche Zeit zur Redaktion meiner Blätter (für admin. Praxis) und zur Beteiligung an Dollmanns Gesetzeskommentaren.
Von den erbetenen Advokaturen ist mir keine genehmigt worden; Verdächtigungen, die aus meiner Tätigkeit zur Zeit der Reichsverfassungsfrage abgeleitet sind, haben zu der Ansicht geführt, daß meine Anstellung jedenfalls allerhöchsten Ortes nicht genehmigt werden. An diesem Ort (bei dem König) persönlich zu supplizieren, kann ich mich nicht entschließen, weil ein solches Supplizieren die Verzichtleistung entweder auf die persönliche Würde oder auf den Erfolg voraussetzte. Es ist mir der definitive Bescheid des Justizministers zugekommen, daß es für jetzt unmöglich sei, mich anzustellen und daß ich wohl daran tun würde, in meiner gemeinnützigen Tätigkeit fortzufahren und Gras über die Sache wachsen zu lassen.«
»Dieses Gras wächst langsam,« schreibt Frau Brater gelegentlich. Sie hatte so zuversichtlich gehofft, der Aufenthalt in München werde ihrem Manne Gelegenheit geben, mit Erfolg um eine feste Anstellung einzukommen, aber die Monate verstrichen, schon nahte die Osterzeit und damit das Ende der Landtagsperiode. Sie mußte sich mit der Erfüllung einer anderen Hoffnung begnügen: am Ostermontag 1852 kam ein zweites Töchterlein zur Welt.
Die Mutter, die seit einiger Zeit ein Heft angelegt hatte für Notizen über die Kinder, schreibt darin:
»Ostermontag kam die kleine Jungfer Agnes auf die Welt als ein gesundes kräftiges Kind mit einer ungeheuren Nase, wodurch sie mehr einem Vogel als einem Menschen und als Mensch einem alten, griesgrämigen Mathematiker ähnlich sah. Eigentlich war es auf einen Buben abgesehen, man war aber doch sehr erfreut über ihre glückliche Ankunft und trug ihr nichts nach. Sie begann ihr Leben, wie es für die teure Zeit angemessen ist, mit Nahrungssorgen, d. h. sie war kaum recht auf der Welt, als sie schon rechts und links mit dem Kopf nach Futter suchte und endlich beide Händchen in den Mund nahm und dermaßen daran schnullte, daß man’s durchs ganze Zimmer hörte.«