Wie die Mutter so scheint auch der Vater über den ersten Anblick des Mädchens etwas betroffen gewesen zu sein, denn er notiert noch am selben Abend in die Familienchronik: »Die kleine Geborene ist ein robustes Mädchen von etwas seltsamer vogelähnlicher Physiognomie«, bemerkt aber nach einigen Wochen: »Sie hat ein definitiv menschliches Aussehen gewonnen, so daß unbedenklich zur Taufe geschritten werden konnte.«
Im Mai wurde der Münchner Haushalt aufgelöst und zur großen Freude von Pauline, die sich längst gesehnt hatte, das nahe Gebirge kennen zu lernen, übersiedelte die ganze Familie nach dem kleinen Dorf Egern am Tegernsee, im bayerischen Gebirge gelegen. Wir dürfen uns unter diesem Aufenthalt keine luxuriöse Sommerfrische im Hotel vorstellen, im Gegenteil ein Leben, einfacher und billiger, als es in der Stadt geführt werden konnte. »Beim Gassenschuster« wurde eingemietet und selbst gewirtschaftet. So hatte wohl die junge Mutter ihr gut Teil Arbeit, aber nicht zu viel, denn sie machte sich keine unnötige, und für unnötig galt ihr vieles, was nicht nur jetzt, sondern auch schon dazumal andere Frauen für nötig hielten. Vor allem kannte sie keine Toilettensorgen. Mit geschickter Hand wußte sie zu reinigen und auszubessern und man fand nichts Unpünktliches an ihrem Anzug, aber Überlegung, ob etwa ein Kleid nicht mehr modern sei, gab es bei ihr nicht, auch wenn die Farbe gebleicht oder verwaschen war, so hielt sie es nicht für nötig, um dieser natürlichen Einwirkungen der Sonne und des Regens willen Änderungen oder Neuanschaffungen vorzunehmen. Bei der Wahl der Kinderkleider kannte sie nur den Standpunkt der Zweckmäßigkeit, nichts Helles, damit nicht oft zu waschen war, einfach zugeschnitten, denn das Bügeln durfte nicht viel Zeit wegnehmen, wurde auch wohl ganz umgangen; fest über die Tischplatte gezogen waren die Röckchen nach ihrer Meinung reichlich glatt genug, um von den Kindern im Gebrauche gleich wieder verknittert zu werden. Trotzdem dünkte ihr die Zeit, die auf die Bekleidung gewendet wurde, noch zu lang, und sie seufzte manchmal, »kämen doch die Menschen in schönem Pelz auf die Welt«. Ebenso bedauerte sie oft, daß die Zubereitung der Speisen – in der sie übrigens sehr sorgfältig war – so viel Zeit in Anspruch nahm, und sie äußerte wohl, im Gedanken, daß wir doch indirekt all unsere Nahrung aus dem Erdboden ziehen, »könnten wir nur unsern Planeten direkt essen«.
An Warte und Pflege wurde den Kindern auch nicht mehr als das Nötigste zuteil. Für ihre Unterhaltung mochten sie selbst sorgen. Langweilten sie sich, fingen sie an zu weinen oder zu schreien, so wurden sie tunlichst weit von dem arbeitenden Vater entfernt, sonst aber wurde keine Notiz von ihrer übeln Laune genommen.
Die junge Mutter kannte keine Ängstlichkeit. Sie ließ ihre Große, die in jenem Sommer in Egern erst eineinhalb Jahr alt, aber schon fest auf den Beinchen war, allein im Haus und Garten umherlaufen, in der guten Zuversicht, daß nicht gleich ein Unglück geschehen werde. Einstens wurde das Kind vermißt und nun, doch nicht ohne Sorgen wegen der Nähe des Sees, gesucht. Man fand die Kleine endlich im Kuhstall, wo sie eben ihr Schürzchen einem Kalb zum Fressen hinhielt und das junge Tier, noch ebenso unerfahren wie das kleine Menschenkind, an dem dargebotenen Stoff kaute. Diese Sorglosigkeit der jungen Mutter, die der Vater übrigens nicht gut hieß, verlor sich mit der jugendlichen Unerfahrenheit, aber dem Grundsatze der Einfachheit ist Frau Brater in allen Lebensverhältnissen treu geblieben. Die Anspruchslosigkeit und praktische Sparsamkeit der Hausfrau war so durchgehend, daß in dieser Beziehung nie eine Mahnung oder Einmischung des Mannes nötig war; das durch seine treue Arbeitsamkeit erworbene Geld wurde ihr übergeben, von ihr aufs beste eingeteilt und verwaltet und mit Befriedigung wird in der Chronik erwähnt, daß genügend erspart worden sei, um einer Lebensversicherung beitreten zu können.
Eine Verwandte, Emma Schunck, schrieb damals über die junge Hausfrau: »Schon immer achtete ich Pauline sehr, aber die Art, wie sie in ihrem Haus waltet, die Entschiedenheit in allem, das Benehmen gegen ihre Kinder, die zuvorkommende Liebe zu ihrem Mann, das alles stellt sie in meinen Augen sehr hoch. Auch das bewundere ich an ihr, daß sie das Schwere in ihrer Lage, Karls Zurücksetzung so leicht nimmt, weil sie immer nur an das Gute denkt.«
Brater schreibt aus Egern an seine Schwester Julie: »Wir haben keine Ursache, über unser Dasein und Hiersein zu klagen, zumal auch für das tägliche Brot jetzt sattsam gesorgt ist, denn es fehlt weder am Absatz meiner Blätter noch an sonstigen Bestellungen, ich bin auf Jahr und Tag, ohne einen Schritt darum getan zu haben, in Anspruch genommen und könnte daneben auch noch einem Gesellen Arbeit geben.« Ebenso pünktlich wie die Arbeitszeit wurde aber auch die Erholungszeit eingehalten und die herrliche Umgebung von Egern genossen. Es heißt in der Familienchronik: »Pauline ist von der ihr neuen Herrlichkeit des Gebirges zu Wasser und Land begeistert, sie macht ihre Studien in der Führung des Ruders und des Bergstockes mit gutem Erfolg; wir hoffen Egern nicht zu verlassen, bevor wir mit allen Gipfeln der Umgebung Bekanntschaft gemacht haben..... Die Kinder sind wie Kälber auf der Alm gediehen.«
So war der Sommer verstrichen und Brater schreibt: »Am 4. Oktober haben wir den Bergen Adieu gesagt, und am 5. unsern Einzug auf der Bleiche gehalten. Trotz allem Heimweh weiß man doch die Annehmlichkeiten des eigenen häuslichen Herdes und der bequemen Einrichtungen zu schätzen. Ein harter Schlag war aber der Tod Karl Becks, der am 6. Dezember nach fünfwöchentlichem Hoffen und Fürchten einem Nervenfieber erlag. Die Stadt hat an ihm ihren besten Bürger verloren; an Einsicht, Bildung, Geschäftskenntnis, Gemeinsinn war keiner mit ihm zu vergleichen. Ich war bei aller Verschiedenheit der Naturen und Anschauungen persönlich mit ihm befreundet und finde hier keinen Ersatz für ihn. Auch unsere geselligen Verhältnisse, in welchen er ein wesentliches Glied war, sind durch seinen Tod vollends wertlos geworden. Für mich ist es ein Glück, daß ich Ernst Rohmer, der im Sommer 1851 in Becks Geschäft eintrat, wieder getroffen habe. Mit ihm und seinen Schwestern (Witwe Bruckmann und Lina Rohmer) haben wir eine wöchentliche Zusammenkunft.«
Außer diesem Verkehr lebte die junge Familie sehr still für sich. »Ich bin ganz Bleichbewohnerin,« schreibt Pauline an ihre Schwägerin Julie, »wenn ich hie und da notwendige Gänge habe, so laufe ich im Sturmschritt durch die Gassen mit dem einzigen Gedanken, schnell wieder zu Hause zu sein, wo man mich mit oder ohne Geschrei erwartet..... Ich kann kaum die Zeit erwarten, bis die Kinder so weit sind, daß wenigstens nimmer alle beide nur so gerade hinausschreien, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, d. h. bis Anna ihre Vernunft und ihre Zähne beisammen hat..... Mir sind alle Beschäftigungen unmöglich geworden, bei denen es sich nicht verträgt, alle Minuten aufzustehen, da einem Kind etwas zu wehren, dort eines trocken zu legen oder im günstigsten Fall mir die Ohren aus Wohl- oder Übellaune abwechselnd von der einen oder andern Tochter vollschreien zu lassen. Dieses ist die beständige Begleitung meiner Näh- und Flickereien sowie meiner nächtlichen Ruhe und wenn man nicht mit Bestimmtheit wüßte, daß die Bälge täglich älter und somit menschlicher werden, möchte man oft verzweifeln.« An diesen Brief fügt der Vater die entschuldigende Bemerkung hinzu: Man merke, daß er unter Kopfschmerzen geschrieben sei.
Es lautet allerdings nicht zärtlich, wenn die Mutter so über die »Bälge« klagt, allein sie sprach und schrieb eben ganz ohne Rückhalt und Beschönigung, so wie sie gerade empfand, und jede Frau, die kleine Kinder aufzieht und zwar ohne sie an ein Kindermädchen abzuschieben, kennt wohl solche Stimmungen, wie Pauline sie durchmachte, wenn sie in diesem Winter mit den Kleinen auf das enge Wohnzimmer der Bleiche angewiesen war, nach einer unruhigen Nacht ruhebedürftig, mit schmerzendem Kopfe dem Schreien der Kinder doch nicht entrinnen konnte und sich unzählige Male bücken mußte, um sie zu versorgen.
Freilich kann ein süßes Lächeln, eine zärtliche Schmeichelei der Kleinen alle Mühe vergessen machen, aber sie haben eben ihre Tage, an denen sie nicht lächeln, nicht schmeicheln, sondern verdrießlich und weinerlich sind. Dann ist es wirklich ein Tagewerk, so ermüdend und abspannend wie kein anderes, und am Abend ist nicht einmal ein merkliches Resultat dieser Tagesarbeit zu sehen, die Kinder sind anscheinend am Abend nicht weiter, als sie am Morgen waren. So darf man der geplagten Mutter einen gelegentlichen Stoßseufzer nicht verargen.