Die kleine Anna, zuerst ein durchaus gesundes Kind, bekam infolge des Impfens, das mit schlechtem Stoff vorgenommen wurde, einen Ausschlag, der sie besonders bei Nacht quälte. In vielen Briefen der nächsten Jahre ist dies Leiden erwähnt, das Mutter und Kind oft zur Verzweiflung brachte und schlimmen Einfluß auf das Kopfwehleiden und die empfindlichen Augen der Mutter ausübte. Für sie wurden die Nächte erst wieder besser, als das Kind die Einsicht erlangte, daß die Mutter ihm nicht helfen könne und die Selbstbeherrschung gewann, die nächtlichen Qualen still für sich allein zu tragen, bis sie sich endlich verloren.

In der schlimmsten Periode dieser Unruhe wurde beschlossen, daß die geplagte Frau auf einige Wochen zur Erholung nach Erlangen gehen solle. Freilich, Anna mußte sie mitnehmen, denn dieses Kind konnte nicht dem Mädchen überlassen werden; wenn es nachts erwachte und ins Schreien kam, so vermochte niemand anders als die Mutter durch den großen Einfluß, den sie auf das Kind ausübte, es aus dem aufgeregten Weinen zum Horchen auf ihre tröstende Stimme und dadurch allmählich wieder zur Ruhe zu bringen.

So wurde denn Anna mit auf die Reise genommen, hingegen die Kleine, die ein ruhiges Kind war, bei dem Dienstmädchen gelassen unter der Oberaufsicht des Vaters. Der kleine »nächtliche Würgteufel«, wie sich die Mutter oft ausdrückte, war bei Tageslicht ein fröhliches Kind und für ihre zwei Jahre schon sehr entwickelt. Pauline empfand den freudigen Stolz, mit dem jede junge Mutter zum erstenmal ihr Kind den Verwandten und Freunden der alten Heimat vorstellt.

Sie schildert die Reiseerlebnisse in einem Brief an ihren Mann: »Du weißt, daß wir gut hier angekommen sind mit einer Gesellschaft von Auswanderern, deren übertriebene Lustigkeit das Annakind so in Anspruch nahm, daß sie sich auf dem ganzen Weg aufs beste unterhielt. Sie war überaus komisch, wenn der Zug auf der Station eine Weile still gestanden hatte, so sagte sie voll Ungeduld: »No, geht das Ding?« In Nürnberg empfing uns Fritz, ich war sehr froh, denn man mußte die Wagen wechseln und ich hatte so rasend Kopfweh, daß mir’s ganz unheimlich zumute war.

Die Ankunft in Erlangen war komisch. Deine Mutter und mein Hans waren am Bahnhof, kaum waren wir ausgestiegen, so hatte Hans schon das Kind auf dem Arm und ohne weitere Notiz von mir oder der großmütterlichen Zärtlichkeit zu nehmen, war er mit demselben auf und davon und wir hatten das Nachsehen.

Ich hatte am ersten Abend schrecklich Heimweh und Kopfweh, am zweiten hatte letzteres nachgelassen und jetzt, am dritten, geht’s durch und durch besser, aber ich denke immerfort an Dich und kann garnicht von Dir reden. Das Annakind erntet über Erwarten Beifall und rührend ist die Zärtlichkeit, die zwischen ihr und den Onkeln stattfindet, Hans füttert sie, Fritz trägt sie zu den Bekannten. In unserer Wirtschaft kommt mir’s so komisch vor, ich muß oft wie eine Fremde darüber lachen. Gestern kam ein fremder Herr, die Brüder schauen sich an, wem wohl der Besuch gilt, endlich fühlt sich Hans getroffen. Da er gerade das Kind füttert, gibt er Fritz den Bündel. Wie sich herausstellte, daß der Herr eigentlich zu Fritz will, wird er von diesem in das Kabinett hineingeführt, welches als sein Arbeitszimmer und Salon durch den Zuwachs von meinem und einem Kinderbett sehr an belebtem Aussehen gewonnen hat und den ersten Eindruck aufs wunderbarste steigern muß. Ich weiß oft gar nicht, wie mir geschieht, alles so bekannt, gar nichts Neues und doch fast unglaublich.

... Wenn ich höre, daß es Dir und meinem guten, guten Herzensbrocken gut geht und Du Dir über Kind und Küche nicht viel Sorgen machst, so will ich gern mein Pensum hier abmachen und dann recht vom Fundament aus, ich kann Dir garnicht beschreiben wie vergnügt bei Dir sein. Trotz der Unruhe ist mir’s wohl hier, weil ich für garnichts zu sorgen habe, das Annakind fährt fort, Eroberungen zu machen; wenn’s ihr auf den Bällen einmal ergeht wie jetzt hier, so hat sie die Schwindsucht schon nach dem Fuchsenball, sie tanzt schon jetzt lauter Extratouren.

Laß Dir’s recht gut gehen, mach diesem Brief zu Ehren einen Kuckuck und dergleichen mit dem Kind und denk Dir einen Kuß von mir oder viele .....«

6. Mai ... »Neulich war eine große Teevisite bei Deiner Mutter (Rahmtorte!!!) Da wurde fünf Viertelstunden am Tisch gestanden und gezittert und geholfen und gewünscht, allein vergebens.« (Über dieses »Tischrücken«, das damals Mode war, werden wir später noch mehr hören.) »Meine Wut kannst Du Dir denken, ich war ganz außer mir. Heute ging ich mit Emma Schunck zu Fuhrmanns, die einen sehr sensitiven Tisch haben und siehe, es ging prächtig in einer Viertelstunde, so daß es den Tisch drehte und fortrutschte, daß man nur nachzulaufen hatte und es ihn rechts und links in die Höhe warf, daß es zum Totlachen war, übrigens mache ich mir meine ganz besonderen Gedanken.«

Sobald Pauline sich ein wenig gekräftigt hatte, kehrte sie nach Hause zurück, und wenn sie auch noch öfter zu solch kleinen Erholungsreisen genötigt war, so fand sie doch ohne den Mann so wenig Freude daran, daß sie heim drängte, sobald sie nur konnte, trotzdem zu Hause manches Schwere auf sie wartete, denn die nun folgenden Jahre boten äußerlich betrachtet der jungen Familie Brater wenig Erfreuliches. Sehen wir zunächst auf den Mann, so finden wir ein ganz merkwürdiges, fast unverständliches Mißverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Er redigiert die Blätter für administrative Praxis, und sie werden als mustergültig anerkannt; er bearbeitet die bayerische Gerichtsordnung, und die Juristen finden die Arbeit vorzüglich; er gibt eine Ausgabe der bayerischen Verfassungsurkunde heraus, sie erscheint in mehreren Auflagen; seine Kommentare zum Preß- und Forstgesetz kommen in Verwendung; seine »Fliegenden Blätter aus Bayern« erregen Aufsehen in politischen Kreisen, aber wenn dieser hervorragende Jurist sich bewirbt um eine Advokatur, um ein Bürgermeisteramt, wenn er anfragt, ob ihm die Erlaubnis erteilt würde, sich in Erlangen als Privatdozent niederzulassen, so ist die Antwort »nein« und immer wieder »nein«. Und doch hat er den sehnlichen Wunsch nach praktischer Arbeit, möchte nicht nebendraußen stehen, sondern einen Posten ausfüllen, der ihm gestattet, seine Ideale nicht nur auf dem Papier niederzulegen, sondern sie im Leben zu betätigen.