Professor Bluntschli, der berühmte Rechtsgelehrte, der damals in München lebte und später mit Brater in Verbindung trat, spricht sich darüber aus in seinen »Denkwürdigkeiten aus meinem Leben«: »Brater war jeder Übertreibung wie allem unlautern Treiben feind, dabei gründlich gebildet, von durchdringendem Verstand, immer besonnen und klar, zuweilen pedantisch-genau, ein überaus fleißiger Arbeiter. Ich habe es lange nicht verstehen können, daß in Bayern, das wirklich keinen Überfluß an tüchtigen Beamten hatte, eine solche Kraft brachgelegt wurde. Ich begriff es erst später vollständig, als ich sah, wie die nationale deutsche Gesinnung, die in Brater lebendig war, die ihn jederzeit opferbereit fand, den Verdacht einer strafbaren Untreue gegen Bayern, wenn nicht des Hochverrats auf sich zog.«

Eine Enttäuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang litt sie an peinlicher Augenentzündung und mußte nach damaliger Methode der Augenärzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast untätig sitzen. Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzähligen schlechten Nächte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung Platz. Die Außenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich glücklich fühlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann: »Ich habe eine wahre Todesangst, daß Du nach meiner Heimkehr bald verreisen mußt.«

Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffällig bemerklich. Die dünnen, schrägen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste, geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die charaktervollen Schriftzüge Frau Braters kaum mehr an die einstige Handschrift von Pauline Pfaff.

VI.
1855–1858

Die Nördlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranlaßte, nach München zu übersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der Chronik, daß Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatswörterbuch herauszugeben, und sich wegen dieses groß gedachten Werkes an Brater wandte. Schon war der Verleger nach Nördlingen gekommen, man hatte sich über alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur großen Enttäuschung für Brater, der in der Chronik berichtet: »Die Arbeit hätte mich fünf Jahre lang unter günstigen Bedingungen beschäftigt, aber die türkischen Verwicklungen schüchterten den Verleger ein und ich wurde zum zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.«

Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: »Das Projekt Bluntschlis nähert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen Konjunkturen längere Zeit geruht hatte, seiner Ausführung. Ich übernehme die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatswörterbuchs, das in zirka zehn Bänden in den Jahren 1856–60 erscheinen soll. Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein großer Schritt, den man wagt. Die Verleger sind Schultheß und Scheitlin.«

Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines Menschen auf das Leben anderer ausübt. Professor Bluntschli faßt den Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Münchner Professors hat die Wirkung, daß Frau Brater in eifriger Tätigkeit ist, ihren Nördlinger Haushalt aufzulösen; dieser Gedanke ist die Ursache, daß zwei kleine Mädchen von den Wiesen und Obstgärten abgerufen werden, um nie mehr diese goldene Freiheit zu genießen. Ja, wenn auf der Löpsinger oder Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das Dienstmädchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Münchner Professors schuld, der das Mädchen in die Residenz zieht. Der Abschied von Nördlingen galt zunächst nicht für einen definitiven, nur für die Dauer der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch lag die Aussicht der Rückkehr in unbestimmter Ferne und das junge Ehepaar verließ nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor fünf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimstätte, der Geburtsort der Kinder, behält für ein glückliches Paar seinen eigenen Reiz und auch die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse für eine Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von der Witwe des Buchhändlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein lebhafter sowohl geschäftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck’schen Verlag vorstand und einige Jahre später sich mit der Witwe Beck verheiratete.

Die Lust zur Übersiedelung nach München war nicht groß, denn schon bei dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, daß mit knappen Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzügen der großen Stadt nicht viel zu genießen ist. Aber ob gern oder ungern – es mußte abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem traulichen Städtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu gründen.

Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in München Augustenstraße Nr. 5. Diese, heutzutage längst ausgebaute und mitten im Verkehr stehende Straße war damals noch eine stille Vorstadtstraße, einzelne Gärten unterbrachen noch auf beiden Seiten die Häuserreihen, gestatteten den Ausblick in die Ferne und gewährten Pauline die Möglichkeit, den Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten überall Zutritt.

Die erste Sorge der Hausfrau mußte sein, möglichst rasch das Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der große Lehnsessel davor – das einzige luxuriöse Stück der Ausstattung – waren Bücher, Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefüllt, so mochte im übrigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und hörte es nicht mehr. Das Staatswörterbuch brachte sofort und für lange Jahre eine Menge mühsamer und oft ärgerlicher redaktioneller Geschäfte, aber diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die ihn freute. Von dem mächtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande vorwärts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken, schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewußtsein, daß es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas beizutragen zur Lösung der höchsten nationalen Aufgabe, erfüllte ihn mit tiefinnerer Befriedigung und ließ ihn auf äußere Anerkennung verzichten.