Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster war ein sogenannter »Tritt« angebracht, eine Erhöhung, auf der nur der Nähtisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Straße zu überblicken und dieser Blick erwies sich bald als nützlich; denn als das Frühjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unmöglich, ihre Kinder, die auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig dachte sie daran, die Kleinen stundenlang täglich in die Anlagen zu schicken oder spazieren zu führen, sie hielt dies für einen unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes übrig, als sie auf die Straße springen zu lassen. Anna war nun fünf Jahre, verständig, äußerst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben, geschweige denn den Mädchen gestattet, auf der Straße zu spielen. So erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstraße, daß die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater hätte es vielleicht auch nicht so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der Erziehung; »das mußt Du wissen« sagte er bei solchen Anlässen in vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ängstlich. »Die Kinder sollen nur aufpassen lernen,« war ihre Meinung, wenn jemand auf die Gefahren der Straße aufmerksam machte. War aber von dem ungünstigen Einfluß die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausüben konnte, so schreckte sie auch das nicht ab. »Unten mögen sie reden wie die andern,« meinte sie, »oben werde ich mirs schon verbitten.« Sie brachte das auch zustande. Bald kam es vor, daß die Kleine einer Spielgenossin in die Dachwohnung hinauf rief: »Marie, kimm abi« und dann der Mutter, die es hörte, die Erklärung gab: »Weißt’ das heißt: komm herunter!«
Die meisten Kinder, die sich in den Münchener Straßen aufhielten, waren katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, daß sie den gelegentlich vorübergehenden Geistlichen die Hand küßten, und arglos folgte sie diesem Beispiel. Bei solchem Anlaß fragte ein katholischer Geistlicher das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es heiße und wem es gehöre. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den Ultramontanen verhaßt wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen Herrn sehr merkwürdig vorkommen, daß das Kind dieses Mannes ihm den Handkuß gab, und er entließ es mit einem Gruß an ihren Vater. Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren auch, welchem Umstand sie den Gruß verdankten. Mit feinem, sarkastischen Lächeln sagte der Vater zu seinem Töchterchen nur: »Du brauchst künftig niemandem mehr die Hand zu küssen.«
Also durften die Braters Mädchen auf der Straße spielen und wurden von andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering geschätzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der außergewöhnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natürlichen Anlage seiner Frau, daß die Frage: »Was sagen die Leute dazu?« gar nicht vorkam im Wörterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, daß sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht ängstlich nach der Meinung anderer.
Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausgängen verwendet, Anna war allerdings ein so praktisches Kind, daß man es wagen konnte. Um so unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glück zu sagen, daß doch immer alles gnädig ablief. So wurden der Kleinen einmal Druckbögen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer ruhig deren Führung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet. Als sie nun zum erstenmal allein auf den großen Platz gelangt war, in dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Straßen abgehen, wußte sie nicht, welche sie einzuschlagen hätte. So stand sie denn ratlos in der Mitte des Platzes, wußte sich nicht zu helfen und fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorübergehender die trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und erfuhr, daß sie den Weg in die Druckerei nicht fände. Nun wollte aber der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wußte das Kind nicht Bescheid, zu Hause hieß es eben schlechthin: Die Druckerei. Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen Druckerei geleitet. Es hätte freilich auch anders ausfallen können, damals, wo oft nur die Anonymität den Verfasser geharnischter Artikel vor Verfolgung schützte.
Einige Monate nach der Übersiedlung war Brater schon in so vielerlei Arbeit verwickelt, daß eine Rückkehr nach Nördlingen ganz undenkbar erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer:
... »Die Erinnerung an Nördlingen liegt schon weit hinter mir, insofern ich nicht mehr wie anfangs Nördlingen als meine Heimat betrachte, wohin ich zurückzukehren strebe, sobald die Verhältnisse es gestatten. Ich sehe wohl, daß daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen, sondern um Karls willen, denn den großen Unterschied für ihn sehe ich jetzt erst recht ein; also Nördlingen ist meiner Überzeugung nach abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir versichern, daß mir oft die Tränen kommen, wenn ich die Kinder miteinander reden höre, wie sie sich vergnügen wollen, wenn sie wieder »heim« kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, daß wir nächstens heimkehren werden.«
Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das Tischrücken auf, das damals eine merkwürdige Anziehungskraft sogar auf solche Männer ausübte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten. Frau Brater schreibt:
»Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den Freund Bärmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte und ich konnte mich gar nicht genug über die Leichtgläubigkeit Deines Herrn Bruders und meines Gatten ärgern. Ernst hat Dir vielleicht erzählt, was für ein Wunder mit dem Tisch sich in Bärmanns Schreibstube zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdruß über seine Leichtgläubigkeit darzutun.«
Das Interesse für das Tischrücken war in jener Zeit erregt worden durch einen Artikel in der »Allgemeinen Zeitung«, der über wunderbare derartige Vorgänge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen Kreisen zu Versuchen den Anlaß gab. Die Meinungen waren geteilt und es wurde mit Erregung darüber gestritten, ob man es mit Einwirkung von übernatürlichen Kräften oder mit Elektrizität und Magnetismus zu tun habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein.
Der Verkehr mit dem obenerwähnten Theodor Rohmer und seinem älteren Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das Interesse für deren religiöse und philosophische Ansichten. Zwar die persönliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung für Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des Anstoßes und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern Rohmer, in die selbstbewußte, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie sich nicht finden. Es war ihr unfaßlich, wie ihr Mann so hoch hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzüge seiner eigenen Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein Prinzip aus: »Ich lasse mich gehen« und er handelte danach. Ihres Mannes Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er übte sie an sich, forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler Bruder, Theodor, sich dessen Ansprüchen unterordneten. Die geistige Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewußte Eigenart übte eine unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, »eine unglückselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen Leidenschaften«. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das Höchste von ihm erhofften, religiöse, politische und soziale Umgestaltung Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gewöhnlichem Maße messen zu dürfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses Mannes gezeigt, wie die höchste geistige Begabung nur Unfrieden bringt, Harmonien zerstört und den Träger selbst unbefriedigt läßt, wenn sie nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht beherrscht.