Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue Enttäuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen. Nachdem er den Hergang erklärt hat, schreibt er: »Du mußt außerdem bedenken, daß ich aus diesen Händeln mit erhöhtem Selbstgefühl hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft außerhalb des Zeitcharakters steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür büßen müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen Tugend und meiner Unfähigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.« Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlösse mit pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zustände und die Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater läßt sich nicht erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: »Die heutige Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem öffentlichen Leben vorwärts.« Und an seine Schwester: »Einstweilen muß man an dem Gedanken festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die politische Entwicklung geht vorwärts.«

Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie lebten in der bisherigen fleißigen und sparsamen Weise weiter und trugen gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen Freude und ein wackeres Dienstmädchen unterstützte die Frau, während diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mädchen bewährte sich als ein treues, verständiges Glied der Familie. Sie wurde einst, während Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin gereist sei und mit welchen Männern er verkehre. Denn je mehr seine nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die Bemühungen, ihn zu verdächtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener preußenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mädchen ließ sich keine andere Antwort herauslocken als die: man möchte doch ihren Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid mußte man sie schließlich ziehen lassen. Man war damals noch mancher Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das Zigarrenrauchen auf der Straße als Zeichen einer verpönten Gesinnung nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging täglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: »Entschuldigen Sie, ich bin hier fremd« die Zigarre wegwarf. So trieb er’s, bis einst ein Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: »Ja, entschuldigen Sie, wie lang sind denn Sie noch fremd?« Von da an hielt es Colomann doch für geraten, das Rauchen auf der Straße aufzugeben.

Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmählich eine bessere Wendung für die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war, anläßlich der Präsidentenwahl sofort wieder aufgelöst. Infolge dieses Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb Brater eine Flugschrift: »Regierung und Volksvertretung in Bayern.« Sie wurde zwar in Nördlingen gedruckt, doch erschien es rätlich, sie außerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck, war augenblicklich vergriffen und mußte in zweiter Auflage erscheinen. Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen darauf hin, daß der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die Abgeordnetenkammer gehöre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persönlich aufzutreten. An fortgesetzte Enttäuschungen gewöhnt, ging Brater ungern, weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr, falls er wirklich gewählt würde, sofort zu telegraphieren.

Mit dem heißen Wunsche, daß ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein möchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die Mutter wandten, stets die Antwort: »Seid still, ich muß mich auf etwas besinnen.« An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie mußte sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen Mißerfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen könne, daß er alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewählt. Die Verspätung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So konnte es noch lange währen und Brater wußte seine Bundesgenossin zu Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben abgehenden Zug nach dem nächsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort aus und reiste mit dem nächsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr Mann sie auch im ärgsten Getriebe nie vergaß und alles andere lieber als sie zurückstehen ließ; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes, beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die höchste Stufe der ehelichen Treue.

Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die erste öffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen hätte, aber die Freundschaft der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, muß doch zuletzt alles gut werden.

Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjähriger stiller, treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: »Ihr Vater ist durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne äußeren Anlaß seine Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich muß sagen, Hans hat sich treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.«

Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen, ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie tätig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populären Vorträge verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche Fragen, die sich ihr aufdrängten und um deren Beantwortung sie ihn bat. In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: »Mehr als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.«

Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wäre nun vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel köstlich nennt: Mühe und Arbeit.

Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen tun; aber je länger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an dieselbe aus.

»Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen, aber jetzt hoffe ich doch, daß Du Dich auch einmal ein wenig mit mir erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es ist wahr, Du hast allmählich Deine Kinder so weit gebracht, daß ihnen die Löcher geflickt werden, auch ohne daß Du Deine Nadel einfädelst, aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch stets, daß die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes ersetzt werden könnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und nach zu Müttern und Vätern geworden sind, je mehr lernen sie schätzen, was Du ihnen bist, trotzdem daß ihnen die Suppe sogar von einer Magd gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten, sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben verwöhnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall zustatten. Sie sind über Deine schöne Handschrift immer höchst erfreut: ›Der Großmutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben hat sie ein bißle verlernt‹.«