Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule. Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so groß, daß sie zwar im Dämmerstündchen sich noch der Mutter auf den Schoß setze, aber selbst ein ganz verschämtes Gesichtchen dazu mache wegen der langen Beine, die da herabhingen. Solch zärtliches auf dem Schoß sitzen und dergleichen erlangte zwar »das kleine Schmeichelkätzchen« hie und da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich auch nicht mit ihren Grundsätzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit Liebkosung und Zärtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für »Unkräuter« halten und dankbar sein, daß man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, können, leisten noch nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen.
Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab, sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus pädagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lästige Pflicht, sondern als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab vielleicht nicht viele Häuser, in denen so gewissenhaft jede unnötige Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder hörten kaum davon reden; sie waren schon große Schulmädchen, als sie zufällig und zu ihrem Staunen entdeckten, daß das Dienstmädchen um Lohn und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat. Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mädchen gegenüber zur Folge hatte.
Als die Kinder mehrmals zu dem nächsten Droschkenplatz geschickt wurden, um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus zu diesem System und erreichten damit, daß die Kleinen dankbar waren, wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden, glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zufloß und vor allem tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe verriet, die ihnen um so köstlicher war, je seltener sie in zärtlichen Worten zum Ausdruck kam.
In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, daß damit der beste Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorität der Eltern hinaufgewiesen zu der höchsten Autorität und geleitet auf dem Wege zum höchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.
Äußerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religiösem Leben in der Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und mit großer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich zu dir in’ Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die Kinder anzuregen, ihre äußeren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre Kinder. Oft sprach sie es aus, daß sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe der Religion nicht zu erziehen wüßte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer beeinflußt, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament schätzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die Mutter erwähnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die Kinder machte, es heißt da von Anna: »Alle Morgen wird ein Abschnitt aus der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt sich häufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklärte die erstenmale immer: »Das hab ich mir auch gemerkt«, fand es dann aber einfacher, ein für alle Male zu sagen: »Jetzt Mama, ich merk’ mir eben immer das, was sich die Anna merkt.«
So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig ließen sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort »Lüge« zu brandmarken, was kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Großen erwähnt: »Anna ist von großer Wahrhaftigkeit«, berichtet sie von der Kleinen: »Sie hat eine so lebhafte Phantasie, daß sie beständig im Reden und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von Wahrheit zu haben.« Sie hatte die ruhige Zuversicht, daß in ihrem Haus die Unwahrhaftigkeit nicht groß wachsen würde.
Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau Brater oft bedauert hat, denn eine größere Geschwisterschar war nach ihrer eigenen Erfahrung ein köstlicher Schatz und überdies eine Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn jedes einzelne unter einer großen Kinderzahl wird sich entbehrlicher vorkommen als so ein einziges Pärchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt sie gelegentlich: »Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind hätte, überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht«; ein andermal: »vier Kinder wären mein Ideal« und die Sehnsucht nach einem Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.
Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch seine schlechten Wasserverhältnisse und häufige Typhuserkrankungen verrufen war, mußten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an einem typhösen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Schwägerin Julie: »Der arme Tropf hatte eine schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen ließ, so klopft das Herzchen mit einer Gewalt, daß man glaubte, es könne es unmöglich überdauern.... Wunderbar war die Veränderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze unverändert, dagegen waren die glutroten Backen schneeweiß geworden, sie lag in fast immerwährendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten Woche ebenso. Unerhört war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten, es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der dritten Woche, das kommt gewiß auch nur bei Kindern vor, war die Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne allmähliche Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht gehabt und hatte morgens unverändert hundertundzwanzig Pulsschläge. Abends saß sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an waren wir außer Sorge, es ging gottlob alles so gut, daß sie jetzt zwar lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden Strapazen in immerwährendem Kopfweh spüre.«
VII.
1858–1862
Die ersten Münchner Jahre in der stillen Augustenstraße waren verhältnismäßig ruhig vorüber gegangen, aber es kam allmählich anders.