»... Daß Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht ja daraus immer, was uns beschäftigt; an Neujahr soll sie nun etwas größer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die Maßregel nicht etwa ungünstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren Gehilfen für den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen Referenten für den Landtag; Du wirst gesehen haben, daß der Landtag im Januar zusammentritt, ein großer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese Zeit schon überstanden wäre! Karl hat nun alle seine übrigen Arbeiten abgegeben und wenn derselbige Referent tüchtig ist, so wird es eher leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.«

Daß sich tüchtige Hilfskräfte für solch eine Zeitung schwer fanden, ist selbstverständlich, und manche merkwürdige Figur tauchte im »Redaktionszimmer« auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich auch bedeutende Männer zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Münchener Neuesten Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der spätere Schriftsteller und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schöner, geistig anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In seinen Artikeln für die Süddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde hochgeschätzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr Frau Brater die große Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh büßen mußte, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war, ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis Übersiedelung nach Heidelberg Anlaß zu einer großen Abschiedsgesellschaft, über die sie an Ernst Rohmer berichtet:

»... Auch wir hatten diese Woche eine große Soiree wo es an Humor und sogar an Tränen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen, unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und ich wollte nur, Du hättest die Toaste mit anhören können, es überbot immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefühl einer großen Freundschaft und Innigkeit.«

Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die nun als größere Schulmädchen wohl zu brauchen waren und fremder Bedienung vorzuziehen. Das Münchener Bier spielte keine kleine Rolle bei manchen der Geladenen; es wurde in großen Krügen geholt und die Kinder gingen von einem Gaste zum andern, um leere Gläser aufzufüllen. Am leistungsfähigsten war in diesem Stück der allgemein bekannte und beliebte Abgeordnete Völk, der urwüchsige, kräftige Mann vom Algäu, ein Volksredner von prächtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm immer wieder aufs neue ein, denn er wußte auch schon dieses kleine Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Räumen zu Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfänglichen Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches Talent zu statten, sie kochte vorzüglich und war die Mahlzeit aufgetragen, so kam noch als beste Würze ihr guter Humor in der Unterhaltung.

Das waren inhaltsreiche Jahre für die Frau, die an allem, was den Mann beschäftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem Arbeitszimmer herüber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen, ehe er ihn in die Druckerei schickte. »Du bist mein Publikum,« sagte er, »ich muß sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.« Ihre gesunde Empfindung befähigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu benützen wollte, um die Verleumdungen zu widerlegen, die andere Blätter gegen ihn brachten, dann setzte sie ihm zu, wollte, daß er die Grobheiten gehörig heimgebe, und hätte ihm solche am liebsten in kräftigen Worten in die Feder diktiert. Aber er ließ sich nicht beirren: »Um die Sache handelt es sich, nicht um meine Person,« erklärte er ihr immer wieder; »warum von dem kostbaren Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persönlicher Angriffe verwenden, laß sie nur schimpfen, viel besser ist’s, wir bleiben bei der Sache.« Im Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmählich auch ohne Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an Hilfskräften fehlte und sie dem mit Arbeit überladenen Manne Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder mußten, wenn der Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe genoß, oft genug Besorgungen für die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen, die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief über Mittag eine Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam sie eben noch recht für die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff Anna das Telegramm, rannte in der Schürze, ohne Hut, über den glühend heißen Odeonsplatz und die Drucker wußten schon, wenn sie so atemlos hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das mußte noch in die heutige Nummer. Heimwärts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr ohne Hut über den heißen Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall ein, so ging ihr doch wieder die Süddeutsche Zeitung über alle persönlichen Rücksichten.

War nun in diesem geschäftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich, vergaß sie auch alle persönlichen Bedürfnisse über der großen Sache, der sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich plötzlich abrufen ließ aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine Lungenentzündung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verließ sie München und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand, schildert sie selbst ihrem Manne:

»Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir’s doch nicht leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann ich es nicht begreifen, daß dieses das Wiedersehen sein soll, auf das ich mich schon so lang freute, und daß es das letzte sein soll; wenn ich nur recht so wie ich möchte bei ihr bleiben und weinen dürfte, aber um Luisens willen und um meiner Augen willen muß ich so viel als eben möglich an mich halten. Ich will Dir erzählen, wie es ging: Auf meiner Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz schon von weitem und sah auch gleich, daß ich mich getäuscht hatte, er hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher als bis ich wirklich die letzten Atemzüge gehört hatte.... Als ich ankam und sie begrüßte, konnte sie mir’s nur dadurch erwidern, daß sie mich ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gruß von den Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, daß ich’s nie vergessen werde, ich kannte sie kaum, so waren die Züge von Schmerz und Anstrengung entstellt....

Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden Todes, sie lag regungslos und atmete in immer größeren Zwischenräumen, um halb fünf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene weichen mußte, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es auf dieser Welt nur geben kann.

Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir fürchteten, sie ist wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so weit, daß sie sich selber im Bett bewegen kann.... Daß die Mutter auf diese Weise sterben mußte, darüber kann ich mich nicht leicht beruhigen, die Krankheit wurde selbst verschuldet.«

Über diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trösten und schreibt: »Sie ist in der Aufopferung für andere, der ihr ganzes Leben gewidmet war, auch gestorben. Darüber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam hätte entziehen lassen.«