Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren Krankheit, ein harter Schlag für den Mann und die fünf Kinder, deren ältestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch für Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten Schwager Sartorius schreibt sie:

»Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fühlt man die Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man möchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der Gedanke an sie das ganze Herz ausfüllt; hier fühle ich mich mit meiner Betrübnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt, allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrübnis zeigen, ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen? Ich kann das nicht.«

In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen Kinder und in späteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, »den kleinen Hansel« zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den eigenen Töchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte Pauline in späteren Jahren die Freude, daß die mutterlose Schar aufs neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewährte Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwägerin und durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde.

Im Sommer 1861 gönnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein köstliches Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschüssen, nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch für Pauline eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfällen, und eine Wonne für die Schulkinder. In einem Fischerhäuschen wohnten sie, bei freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See zu, sich der schönen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestörten Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere Freude als die eine, allerdings tief beglückende, das Tagewerk gut vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenuß, die freie Muße mit wohligem Behagen empfunden. Für drei Tage machten die Eltern allein einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glück, sich wieder einmal ganz anzugehören. Mit großem Vertrauen und beneidenswerter Sorglosigkeit ließen sie das zehn- und elfjährige Schwesternpaar im Fischerhäuschen zurück, wo die Kinder sich mit großem Stolze Frühstück und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aßen.

Ein längerer Landaufenthalt war freilich nicht möglich, denn die Arbeit drängte. Als Mitbegründer des deutschen Nationalvereins hatte Brater überdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach, Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien solche Tätigkeit fürs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rücksicht auf die eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft.

Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die nötigen Hilfskräfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt Pauline: »Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer Mitredakteur ist sehr kränklich und es fragt sich, wie lange er aushalten wird, er hat schon selbst seine Befürchtungen ausgesprochen und hätte sich gar nicht auf dieses Geschäft einlassen sollen« und eine Nachschrift dieses Briefes teilt mit: »Unser Redakteur liegt heute bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es nicht gefährlich. – Ich bin in Verzweiflung.«

Selbstverständlich mußte bei solch plötzlichem Versagen der Hilfskräfte immer Brater seine eigene schon aufs äußerste angespannte Kraft einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tägliche Nahrung und wenn Frau Brater mit »Grausen« das neue Jahr angetreten hatte, wenn sie, so wenig ängstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da.

Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: »Meinem Mann hat der fatale Winter schließlich doch auch noch einen recht hartnäckigen Husten angehängt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen bekam er nun ganz plötzlich einen ziemlich starken Anfall von Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz vorüber sind, doch erklärte Lindwurm nach genauer Untersuchung, daß es nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Daß er ihn nach Berlin reisen läßt, wundert mich trotzdem und ich würde es gewiß nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in der Unterbrechung seiner gewöhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil sähe; wenn es nur ein mäßiges Wetter wird, ich bin eben doch in großer Sorge.«

Sechs Wochen später – und die beiden Ärzte Professor Lindwurm und der befreundete Professor Dr. Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch, Brater müsse das überanstrengende Geschäft der Redaktion abgeben, müsse das rauhe Münchner Klima verlassen und müsse noch, ehe dies alles geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie möglich fort in mildere Gegend.

Schwer trafen diese drei harten »Muß« den Mann, der wohl wußte, daß die Süddeutsche Zeitung von seiner Persönlichkeit abhing, und seiner Frau war es zumute, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. In der Tat, war nicht alles erschüttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung, das Leben ihres Mannes und somit ihr Glück?