Noch ehe Brater einen Entschluß wegen der Zeitung fassen konnte, mußte er München verlassen, um den rauhen Frühlingsstürmen zu entgehen. Das war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber freundlich bot sich dem Erkrankten eine Stätte zur Erholung. Der Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn herzlich zu sich ein und so bald die nötigste Vertretung gefunden war, reiste er dorthin. Die Sorge für die Zeitung begleitete ihn. In Versammlungen national Gesinnter wurde beraten über die Fortführung der Zeitung. »Wir sahen«, schreibt Baumgarten, »wie die Zeitung jeden Tag mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie hätte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche für Brater hätte eintreten können. Ohne ihn war das Blatt noch immer in München unmöglich.«
So blieb denn keine andere Möglichkeit als entweder die Süddeutsche Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an dem ihre Redaktion nicht mit so ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden war wie in München und sich demnach leichter ein Redakteur finden ließe. Von Deidesheim aus schreibt darüber Brater an seine Frau: »Gestern sind Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ... verhandelt haben. Das Resultat wäre, daß vom 1. Juli an die Süddeutsche Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in Frankfurt erscheint. Die Redaktion würde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits (unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhältnisse) nur um Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch noch öffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich glaube, daß wir mit diesem Schritt das Zweckmäßigste tun, was unter den obwaltenden Umständen geschehen kann und daß auch Du damit einverstanden sein wirst. Bis auf weiteres darf davon durchaus nichts verlauten, die Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen geschehen wird.«
Zugleich mit diesem Plane, der auch zur Ausführung kam, wurde die Frage über den künftigen Aufenthalt der Familie beraten. Am Sitz der Redaktion selbst sollte Brater nicht wohnen, um nicht aufs neue zu sehr in das Getriebe hineingezogen zu werden, doch allzuweit sollte er auch nicht davon entfernt sein, eine Stadt in der Nähe von Frankfurt schien am günstigsten. Viele Briefe gingen zwischen Deidesheim und München hin und her, bis einer derselben den energischen Vorschlag brachte, Pauline solle zu ihrem Manne kommen, mündlich ließe sich das alles viel leichter beraten. Zur Beaufsichtigung der Kinder und des Haushaltes war die Schwester Julie Brater bereit und so folgte Pauline dem Ruf und reiste über Württemberg nach der Pfalz. Es waren schon einige Wochen seit Braters Abreise verflossen, seine Nachrichten hatten jedesmal über fortgesetzte, wenn auch langsame Besserung berichtet, mit unendlicher Sehnsucht sah sie der Wiedervereinigung entgegen und wurde aufs liebevollste in dem gastlichen Hause Buhl aufgenommen. Aber die Wochen der Trennung mochten die Ursache sein, daß sie ihren Mann objektiver betrachtete und nun sah, wie krank er war. Wir lesen es zwischen den Zeilen in einem Brief an ihre Schwägerin Julie in München, wo es nach der Beschreibung der Reise heißt: »Was nun die Hauptsache ist, so konnte ich mich im ersten Augenblick des Wiedersehens kaum recht fassen ob meiner getäuschten Erwartungen, vielleicht hatte ich mir bei den fortwährenden Besserungsberichten zu viel Hoffnung gemacht.... So war ich gestern in recht trauriger Stimmung, die ich kaum zu verbergen wußte, Karl ist sehr heiter, und heute habe ich mich nun auch gefaßt und schiebe alle eingehenden Gedanken auf die Seite. Es gibt so viel zu beraten und zu überlegen, daß wir noch gar nicht angefangen haben, was kann man auch am Ende für Entschließungen fassen, wo doch alles von Karls Besserung abhängt? Möchte es Gottes Wille sein, daß uns diese Bitte erhört wird!... Hier ist alles herrlich, die Natur und das Haus, aber trotzdem will Karl die Gastfreundschaft nicht zu lang in Anspruch nehmen und möchte eben gern bei den Seinen sein.«
VIII.
1862–1863
Fünf Jahre war die Familie Brater in München gewesen, hatte Verbindungen geschlossen, die ihr allmählich lieb geworden waren, und nun sollte sie wieder abbrechen und sich an einem gänzlich unbekannten Orte niederlassen. Dies ist an sich schon schwer und ist es doppelt, wenn eine traurige Ursache den Anlaß zu solchem Wandern gibt. Brater ging von Deidesheim aus nach Frankfurt, um dort die nötigen Vorbereitungen für die Übergabe der Süddeutschen Zeitung zu treffen, und kehrte dann nach München zurück, um die Redaktion aufzulösen. Für den Sommer rieten die Ärzte zu einem Aufenthalt in Höhenluft und dem Gebrauch einer Molkenkur. Wieder war es ein Abgeordneter, der hier Rat wußte. Auf dem Grünten, einem Berg in den bayerischen Alpen, besaß der Abgeordnete Hirnbein ein Anwesen, in dem Molkenwirtschaft betrieben wurde und einige Zimmer für Fremde eingerichtet waren. Zwar hatte sich noch nie eine Familie länger dort aufgehalten, nur Passanten, die den Grünten um der schönen Aussicht willen bestiegen, pflegten dort zu übernachten, aber für die bescheidenen Ansprüche der Familie Brater konnten die Räume genügen und es wurde beschlossen, dort hinauf zu ziehen. Der Besitzer, der selbst nicht oben wohnte, empfahl seinen Leuten die Münchner Familie und so wurde diese mit freundlicher Zuvorkommenheit aufgenommen und fühlte sich da droben, wie wenn sie im eigenen Hause säße und der ganze Berg ihr untertan wäre. Nach den schweren Aufregungen der letzten Monate war das Zusammenleben in der stillen, gewaltigen Natur eine große Wohltat für die Familie, und Brater, der in der dünnen Bergluft leichter atmete, fühlte sich wohl genug, um den Aufenthalt zu genießen. So war es eine schöne Zeit, trotzdem die unsichere Zukunft einen leisen Schatten darüber warf. Pauline schreibt von dort aus an Ernst Rohmer:
Lieber Ernst!
Du wirst es ohne Zweifel sehr schnöde finden, daß wir so lange nichts von uns hören ließen, allein diesmal war es eine höhere Macht, die sich hemmend unserm Verkehr entgegenstellte. Vor acht Tagen übergab Karl vier Briefe der Post, die sich in Gestalt eines Esels von unserer Burg nach Sonthofen hinabschlängelt, allein drunten angekommen, konnte das wackere Tier die Briefe nicht weiter befördern, weil sie sämtlich verloren waren und trotz Bekanntmachung in der Kirche und der besten Versprechungen nimmer zum Vorschein kamen. Daß unter diesen Verlorenen gerade auch einer an Dich war, ein großer, langer, vielleicht seit Jahren der erste anständige, war uns besonders leid, war aber eben nicht zu ändern!
Laß Dir nun vor allem schönsten Dank sagen für Deine freundschaftlichen Anerbietungen in Deinem letzten Brief, Du hast vollkommen Recht, wenn Du sagst, »wir verstehen uns« und darfst auch überzeugt sein, daß wir uns nötigen Falles an niemand mit so leichtem Herzen wenden würden als an Euch. Gegenwärtig sind wir aber gut daran und hoffen, nicht so bald in die Brüche zu kommen, da wir einen sehr angenehmen Zuschuß zur Kur von Onkel Karl[6] in Fiume erhalten haben.
Ich bin also heute vor acht Tagen mit Schwiegermutter, Schwägerin Julie und den Kindern glücklich hier oben angekommen und wir befinden uns aufs beste; da man die Bergpartie auf dem Roß mit aller Bequemlichkeit zurücklegt, so können wir Dir nichts Besseres raten, als auch noch auf einige Zeit zu uns zu kommen; für Dich und überhaupt für alle Nerven muß diese Luft herrlich sein, ich habe auch noch kein Kopfweh gehabt. Meinen Mann fand ich recht gut aussehend und vielleicht auch in der Hauptsache etwas besser, doch bilde ich mir ein, in einer beständig warmen Luft wäre es vielleicht noch besser geworden.... Über unsere weiteren Pläne sind wir noch ganz im unklaren, mein Wunsch wäre, daß Karl diesen Monat hier oben und dann vielleicht noch zwei Monate irgendwo in der Wärme zubringt, etwa Reichenhall oder noch besser Meran, aber das Jammerkind in Frankfurt gönnt einem ja keine ruhige Stunde ...
[6] Meynier, ein Bruder von Braters Mutter.