Das »Jammerkind«, die Zeitung, gewöhnte sich schwer ein in Frankfurt und als der sechswöchentliche Aufenthalt auf dem Grünten vorüber war, reiste Brater nach Frankfurt, um in der Redaktion zu helfen. Es scheint, daß Frau Brater diese Trennung, verbunden mit der auf ihr lastenden Unsicherheit über die nächste Zukunft, schwer nahm; auch fürchtete sie wohl, daß der Erfolg der Kur wieder durch übermäßige Arbeit verloren ginge, und sie hat wohl ihren Unmut herzhaft in ihren Briefen ausgesprochen, denn der Gatte antwortet ihr: »Ein hübsches Quantum schlechter Laune hast Du in Deinem letzten Brief abgeladen. Aber ich gönne Dir die kleine Erleichterung, die einzige, zu der ich Dir behilflich sein kann. Laß Dir nur die Widerwärtigkeiten nicht über den Kopf wachsen: in einigen Wochen sind wir doch wieder beisammen. Freilich liegen dazwischen einige unersetzliche Tage!«

In dem folgenden Briefe teilt Brater den Seinigen mit, daß er nun in der nahen Stadt Aschaffenburg eine Wohnung gemietet habe, die sofort zu beziehen war, und eifrig begannen Frau und Töchter den Hausrat einzupacken, als ihnen ein weiterer Brief Halt gebot. Daran war wieder die Zeitung Schuld. Es gewann immer mehr den Anschein, daß sie sich nicht halten würde, und so schien es geratener, mit einem vollständigen Umzuge noch bis zum Frühjahr zu warten und für den Winter nur irgendwo in der Nähe Frankfurts in möblierter Wohnung einen provisorischen Aufenthalt zu nehmen. Brater schreibt: »Es kommt nun ein neues Projekt in Betracht. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß Wiesbaden ein außerordentlich mildes Klima habe und deshalb zum Winteraufenthalt vorzüglich zu empfehlen, auch im Winter nicht teuer sei. Ich habe heute mit einem dortigen Freund gesprochen und ihn beauftragt, nach dem Preis einer möblierten Wohnung zu fragen ... Käme dieser Plan zur Ausführung, so müßte man das Mobiliar in München stehen lassen und gleich die Wohnung in Aschaffenburg kündigen. Ich möchte, daß Du bald mit Lindwurm und Hecker sprichst, ob sie Wert auf eine solche Maßregel legen würden... Du siehst, daß ich darauf bedacht bin, Dir für Zerstreuung zu sorgen, armer Teufel!«

Dieses Projekt kam im Herbst 1862 zur Ausführung, die Familie zog nach Wiesbaden und mietete in einem Gasthause für den Winter einige möblierte Zimmer. Brater, vollauf beschäftigt mit Arbeiten, vermißte weniger die eigene Wirtschaft wie seine Frau. Nach dem ungewöhnlich bewegten Haushalt der Münchner Jahre sah sie sich nun vollständig zur Ruhe gesetzt, denn da sie keine Küche zur Verfügung hatte, konnte sie nicht selbst wirtschaften, das Essen wurde aufs Zimmer gebracht und es gehörte viel Elastizität dazu, sich plötzlich wieder in so ganz andere Verhältnisse zu finden, auf einige kleine Zimmer angewiesen zu sein und keinerlei Verkehr zu haben. »Ich bin’s nun schon ganz gewöhnt,« schrieb sie nach den ersten Wochen, »daß, wenn bei uns angeklopft wird, niemand anders als das Stubenmädchen erscheint.« Den Kindern war das Neue an dieser Lebensart und dem anderen Wohnsitz interessant, die heißen Quellen vor allem, deren eine auch durch die Wohnung geleitet war und mit ihrem fast kochenden Wasser zu ihrer Verfügung stand, wenn sie das Frühstücksgeschirr abzuwaschen hatten. Sie besuchten ein Institut und fingen an, sich mit den Nassauischen Mädchen zu befreunden, als eine schlimme Sache dazwischen kam und den kaum begonnenen Unterricht unterbrach.

Anna, die schon acht oder vierzehn Tage über Kopfweh geklagt hatte, fragte eines Abends, als längst die Lampe brannte, warum man denn nicht endlich Licht mache, es sei doch so dunkel. Ein solches Wort muß wohl auch eine tapfere Mutter mit Schrecken erfüllen und so schnell als möglich wurde ein Augenarzt zu Rate gezogen. Er fand eine schwere Netzhautentzündung, welche die Sehkraft in höchste Gefahr brachte. In späteren Jahren sprachen verschiedene Augenärzte ihre Verwunderung darüber aus, daß die hochgradige Erkrankung geheilt werden konnte, und es war dies offenbar dem energischen Eingreifen des vorzüglichen Augenarztes Pagenstecher zu verdanken. Er leitete sofort eine Behandlung mit künstlichen Blutegeln, Blasenpflastern und Fontanellen ein, die freilich sehr schmerzhaft war. Das arme Kind hatte viel zu leiden und die Mutter litt mit ihm; sie hatte stets tiefes Mitleid mit allen denen, die körperliche Schmerzen zu erdulden hatten, und es war rührend und für ihre Kinder unendlich tröstend, wie sie in solchen Fällen in einem zärtlich liebkosenden Tone mit ihnen sprach, der ihr sonst fremd war und um so tieferen Eindruck machte. Auch Schmerzensgeld und süßer Lohn für bewiesene Tapferkeit spendete sie da und diese seltenen verwöhnenden Liebeszeichen warfen einen hellen Schimmer in dunkle Krankheitszeiten und verbanden die Kinder aufs innigste mit ihrer Mutter.

Auch der Vater ließ sich in diesen Zeiten öfter herbei, sich mit der Patientin zu unterhalten, und da er bei Anna ein warmes patriotisches Interesse fand, gereichte es ihm selbst zur Freude. Während er sonst in Briefen die Kinder höchstens kurz erwähnt, findet sich in einem solchen aus Wiesbaden die Mitteilung eines Kindergespräches, das ihn selbst überraschte und das wir als Zeichen für die Atmosphäre, in der die Kinder aufwuchsen, hier anführen. Brater schreibt am Schluß eines geschäftlichen Briefes an Rohmer:

»Anna hat mich gestern an ihrem zwölften Geburtstag nicht wenig in Verwunderung gesetzt durch einen Vortrag über die deutsche Frage. Sie setzte nämlich auseinander, daß es mit den vielen Königen nichts sei, daß aber auch der Kaiser von Österreich und der König von Preußen als solche nicht über Deutschland gesetzt werden dürften, weil sie sich nur für ihre Hausmacht interessieren würden, daß man einen Kaiser brauche, der mit seinen Herzögen ganz Deutschland regiere und daß man eben suchen müsse, für dieses Programm eine Mehrheit zu gewinnen, die dann mit Waffengewalt die Minderheit zu Paaren treibe. Durch meine Zwischenfragen herausgeholt, kam das alles in kindischen Ausdrücken ganz rund und nett zum Vorschein.«

Das erkrankte Auge fing an, sich zu bessern; in der Hoffnung, auch von der schmerzhaften Behandlung bald befreit zu sein, sah die Patientin fröhlich dem nahen Weihnachtsfest entgegen, da warf sich die Krankheit auf das andere Auge und gerade am Vorabend des Festes minderte sich stündlich die Sehkraft des Auges. In großer Angst wurde der Augenarzt herbeigerufen; die Kinder und mit ihnen die Eltern bangten vor dem zu erwartenden Ausspruch, daß Anna liegen müsse und von einem Christbaum mit Lichterglanz keine Rede sein könne. Dr. Pagenstecher kam und untersuchte. Er fragte auch genau nach dem Kopfschmerz und allgemeinen Empfinden. Die Patientin gab darüber günstigen Bescheid, allein es lag für den Arzt nahe zu denken, daß die Furcht vor der schmerzhaften Behandlung, die sie schon kannte, ihre Aussagen beeinflussen möchte. Der Vater bemerkte dies Mißtrauen und er, der vielleicht noch nie in Gegenwart des Kindes diesem ein Lob ausgestellt hatte, sagte nun ruhig und bestimmt: »Wir können uns absolut auf ihre Gewissenhaftigkeit verlassen.« Die Freude der kleinen Leidenden über dieses ehrenvolle Zeugnis konnte kaum noch erhöht werden durch die Genehmigung des Arztes, daß sie, mit blauer Brille bewaffnet, zur Bescheerung aufstehen dürfe. Freilich hatte sie noch ihre schmerzhaften Blasenpflaster und sah noch die Dinge, die unter dem Christbaum lagen, in verkehrten Farben, aber daran war sie nun schon gewöhnt und die Freude war nach der ausgestandenen Angst doppelt groß.

Die fernen Verwandten, die an jenem Weihnachtsfest an die Familie Brater dachten, waren voll innigen Mitleids. Sie sagten sich: welch trauriges Fest in der Fremde, ohne jegliches Behagen, die Sorge wegen des Mannes Befinden, dazu das leidende Kind und die vermehrten Ausgaben. Dies war alles richtig und dennoch standen die Viere glücklich und dankbar unter dem Christbaum. In andern Familien waren vielleicht die Verhältnisse günstiger, aber ein einziger Mißton konnte die Harmonie mehr stören als es hier alle äußeren Umstände zu Wege brachten. Man darf sich immer zum Trost sagen im Hinblick auf schwere Zeiten, die uns oder unsern Lieben das Leben bringt, daß es neben allem Unglück eine unerschöpfliche Möglichkeit des Glückes gibt: eine vorübergehende Besserung, eine abziehende Sorge, ein freieres Aufatmen kann dem Menschenherzen so wohl tun, daß es im Augenblicke nur diese Guttat empfindet und nicht so sehr zu bedauern ist, wie es sich die Phantasie ausmalt. Auch ist ja unserer Menschennatur eine große Fähigkeit der Gewöhnung mitgegeben, die bald erleichtert, was zuerst unerträglich schien.

Diese Gewöhnung war es, die in diesem und den folgenden Jahren auch der Familie Brater zu Hilfe kam. So war allmählich der Husten und das erschwerte Atmen bei Brater der normale Zustand geworden, an diesen gewöhnte man sich, war zufrieden, wenn nur keine Verschlimmerung eintrat, war glücklich und hoffnungsfroh, wenn sich zeitweise eine Besserung einstellte.

In einem Brief an ihre kranke Schwiegermutter, die nun mit den Töchtern in München lebte, schildert Pauline das Wiesbadener Leben: