Liebe Mutter!

Es geht mir noch immer ab, daß ich Dir diesmal keinen eigenhändigen Neujahrs- und Geburtstagsgruß schicken konnte, gerade heuer, wo wir so viele gemeinsame Wünsche und Gebete mit ins neue Jahr hinübernehmen.... Die Berichte über Dein Befinden, liebste Mutter, sind leider noch nicht so gut wie wir gehofft und so sehnlich gewünscht hatten, wie muß es Dir doch so schwer fallen, Dich immer so schonen zu müssen, und wie schwer fällt es besonders uns Entfernten, so garnichts zu Deiner Erleichterung beitragen zu können, wir können nur eines tun, liebe Mutter, nämlich uns an Deiner oft erprobten und bewährten Geduld und Ergebung ein Beispiel nehmen, dann können wir auch getrosten Mutes wieder auf die besseren Tage hoffen.

Bei Anna geht es stets vorwärts, wenn wir gleich noch mitten in einer schwierigen Kur drin stecken; bei dieser Gelegenheit habe ich mich zum erstenmal mit unserem hiesigen Aufenthalt ausgesöhnt, wo wir einen so ausgezeichneten Augenarzt bei der Hand haben; wäre das Übel nicht gleich richtig erkannt und behandelt worden, so hätte es schlimm gehen können; im übrigen aber wächst unsere Sehnsucht nach Euch Lieben von Tag zu Tag, auch die Kinder sprechen eigentlich von gar nichts anderem mehr; wenn alles gesund ist, dann kann man schon eine Weile im Exil leben und Umgang sowie jede häusliche Bequemlichkeit entbehren, wenn aber dann hier und dort nicht alles nach Wunsch geht, dann ist’s einem oft, als müßte man geradewegs davonlaufen. So war es mir in den letzten Tagen zumute. Ich habe eine widerwärtige Geschichte mit einem sogenannten Ais oder Ast durchgemacht ..... und hatte doch keine Zeit zum Bettliegen, da es gerade zwei Kurtage für Anna waren; ich hatte ganz entsetzliche Schmerzen mit dieser Albernheit und lag dann schließlich doch noch zwei Tage, um Umschläge zu machen. Karl bedauerte nur, daß wir uns nicht mit unserer ganzen Umgebung photographieren lassen konnten: Anna im Bett hinter einem großen Lichtschirm, ich im Bett mit Überschlägen beschäftigt, Karl über einem Trichter Dämpfe einatmend, dabei Agnes als Hausfrau und Pflegerin all dieser Patienten. Agnes hat sich übrigens wacker durchgeschlagen, schön langsam und umständlich ist ihr Losungswort, aber dabei ist sie doch sorgfältig und unverdrossen ...... Anna soll sich jeglicher Tätigkeit enthalten, ich darf ihr nicht einmal etwas auswendig lernen lassen, das ist schwer für ein Kind, das kein Talent zum Müßiggehen hat und auch nicht leicht für ihre Umgebung; trotzdem sind wir alle vergnügt und dankbar und ich freue mich besonders, bis Du Karl wiedersiehst, ich glaube, man kann ihn jetzt fast ganz gesund nennen.«

Freundlich bezeugte auch Wilbrandt der kleinen Patientin seine Teilnahme. Er war in diesem Winter als Mitglied des Nationalvereins in Frankfurt, kam von dort zu geschäftlicher Besprechung mit Brater nach Wiesbaden, traf Anna an ihrem zwölften Geburtstag in der peinlichen Kur ihrer Augen und beglückte sie, indem er auf eben diese Augen das folgende Gedichtchen machte:

Zum 12. Geburtstag.

Liebe, viel geprüfte Sterne
Laßt von diesem frohen Tage
Eure Herrin ohne Klage
In ein lieblich Leben sehen.
Leitet sie getreu und gerne
Über Täler, über Höhn!
Lehrt sie alle Näh’ und Ferne
Und der Erde Herrlichkeiten
Und ihr Glück und ihre Leiden
Liebreich ohne Schmerz verstehn.

Im Februar kam aus Erlangen eine Nachricht, die Pauline schmerzlich ergriff und auf ihr ferneres Leben von großem Einfluß sein sollte: Ihr Bruder Hans hatte seine junge Gattin verloren. Elf Jahre hatten die Liebenden sich nach ihrer Verbindung gesehnt und kaum sechs Jahre des Zusammenlebens waren ihnen beschieden. Ganz fassungslos stand der Witwer mit vier kleinen Kindern da. Obwohl Anna noch der Pflege bedurfte, reiste Pauline doch nach Erlangen, um dem Bruder zu Hilfe zu kommen, dessen Nerven so erschüttert waren, daß er, von rasendem Kopfschmerz gepeinigt, von Halluzinationen heimgesucht, sich nicht zurechtfinden konnte in seiner traurigen Lage. Zu dem körperlichen und gemütlichen Schmerze kam noch das Gefühl, daß seine Kinder und sein Hauswesen so nicht weiter bestehen konnten. Schon während der Krankheit seiner Frau – Typhus war es gewesen – hatten die Dienstmädchen, denen das Hauswesen überlassen war, dieses schnöde vernachlässigt und es war ein trostloser Zustand, in dem Pauline das Haus und die vier mutterlosen Kleinen vorfand, deren ältestes erst vier Jahre zählte. Als sie im März notgedrungen wieder zu den Ihrigen zurückkehrte, verließ sie den der Verzweiflung nahen Bruder mit dem Trost, nach Schluß des Wiesbadener Aufenthalts, wenn die Ärzte es irgend erlauben würden, mit Mann und Kind zu ihm zu kommen und sein Hauswesen in geordneten Gang zu bringen. Brater, voll Teilnahme für den Schwager erklärte sich gern bereit dazu, und als im Frühjahr die Neuwahlen zum Landtag ihn nach Nürnberg riefen, wurde der Wiesbadener Haushalt abgebrochen und die Familie zog nach Erlangen. Dort war inzwischen alles drunter und drüber gegangen, durch schlechte Mägdewirtschaft war vieles veruntreut und verwahrlost worden, den Kindern fehlte alles, was sie brauchten, Pauline wußte kaum, wo sie zuerst anfangen sollte. Zunächst wurde die treulose Magd entlassen, von der die Nachbarschaft schon längst wußte, daß sie jeden Abend einen vollen Korb aus dem Haus getragen und einen leeren wieder zurückgebracht hatte. Und nun begann in dem Haus ein Räumen, das fast endlos schien. Es ist kaum zu glauben, wie in wenig Monaten ein Haushalt herunterkommen kann, wenn niemand da ist, der für die Ordnung sorgt. Unter die Schränke und Betten hatten die Mägde die Sachen geschoben, die ihnen im Wege lagen, alle Schlüssel der Möbel waren verloren, Zerbrochenes, Zerrissenes war in die Winkel geschoben oder in den Hof geworfen, und von den Weißzeugvorräten, welche die junge Frau als Aussteuer mitgebracht hatte, war nirgends mehr ein halbes Dutzend beisammen.

Die Bücher, die dem Mathematikprofessor von den Buchhandlungen zur Ansicht geschickt wurden, lagen packweise auf dem Stubenboden, wo Besen und Scheuerlumpen sie in einen solchen Zustand versetzt hatten, daß sie nimmer zurückgegeben werden konnten und hohe Buchhändlersrechnungen angewachsen waren.

Nach dem stillen Winter in den Wiesbadener Zimmern sah sich Frau Brater plötzlich in ein vom Keller bis zum Bodenraum ungeordnetes Haus mit Hof und Garten versetzt, hatte statt zweier Kinder sechs zu versorgen und sollte zwei Herren zugleich dienen. Aber das tiefe Mitleid mit dem körperlich und seelisch leidenden Bruder und die Liebe zu der kleinen mutterlosen Schar half ihr über alle Schwierigkeiten hinweg; die beiden Männer waren ja treue Freunde, einander von Jugend auf zugetan, und jeder nahm gerne Rücksicht auf den andern, die großen und die kleinen Kinder freuten sich aneinander, und wenn auch die Kraft der Hausfrau aufs äußerste in Anspruch genommen wurde, es ging doch und allmählich hatte sie die Befriedigung, einen menschenwürdigen Zustand im Hause geschaffen zu haben. Die Kleinen hingen bald mit Liebe an der Tante und ihr Vater erholte sich allmählich von dem Schlag, der ihn so tief erschüttert hatte.

In dieses Frühjahr fiel eine besonders lebhafte politische Tätigkeit für Brater. Er war oft zu längerem Aufenthalt in Nürnberg. Nicht nur um seine eigene Wiederwahl in den neuen Landtag handelte es sich dort, diese war bald gesichert, aber der kleine Kreis von Freunden, der sich im Laufe der letzten Jahre gesammelt hatte, fühlte sich jetzt stark genug, um eine eigene Partei zu gründen, und es galt nun, in allen Teilen Bayerns Gesinnungsgenossen aufzufordern und sie zu gewinnen für ein gemeinsames Programm, dessen Hauptgedanke war: ein einiges Deutschland unter der Führung Preußens. Wie rührig Brater an der Arbeit war, geht aus seinen Nürnberger Briefen hervor, denn auch im ärgsten Trubel ließ er doch seine Frau nicht ohne Nachricht und es ist rührend zu sehen, wie bei ihm jede persönliche Rücksicht, nur allein die auf seine Frau nicht zurückstehen mußte hinter den Angelegenheiten des Vaterlandes. Er hatte sich in Nürnberg im Hotel Schultheß eingemietet und in seinem Hotelzimmer liefen alle Fäden zusammen, welche die Gründung der »Fortschrittspartei in Bayern« zur Folge hatten. Er schreibt von dort: