Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre Aufzeichnungen über die letzten Lebenstage ihres Mannes enthält. Wir entnehmen daraus folgendes:
»Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mühe aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war groß und hoch.
Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: ›heute habe ich einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer‹, er sah matt aus. Abends war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: ›es wird besser sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.‹ Er nahm während des Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach. Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens insofern sorglos gute Nacht, als ich nicht zweifelte, daß sie ihm mit Morphium zuteil werden würde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen rief er mir laut und deutlich: ›Pauline, zieh dich einmal ein wenig an‹, ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, daß ich nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: ›es ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon zwei Pulver genommen und habe keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl, vielleicht wird mir’s da leichter‹ – sein Atem war unendlich kurz, die Stimme klanglos und in seinen Zügen sah ich, daß er im Todeskampfe war, – ich stand da unter heißen, strömenden Tränen, sagte ihm liebe Worte, aber helfen konnte ich ihm nimmer. Während ich ihn ankleidete, sagte er lächelnd: ›du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.‹
Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: ›so jetzt mach, daß du ins Bett kommst, – schlafe und weine nicht in Deinem Bett.‹ Gott weiß, ich habe nicht geschlafen, denn ich wußte nun, daß mir das treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glück zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kämpfte er noch zwei Tage gegen den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlöste.«
Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes, an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehörigen fühlt sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war. Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: »So ist es also vorüber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke, wie öde und verlassen Du Dich fühlen wirst nach so langer, tiefinnerster Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die Zukunft grau und farblos, weil nun ein Riß in mein Dasein erfolgt ist, der nicht mehr zu überbrücken ist! Ist dies persönlich so, so ist es noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es aus, daß Bayern seinen besten Bürger verloren hat, die Partei ihre Seele.« – Frau Brater antwortete dem Freund:
Lieber Ernst!
Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich weiß ja recht wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen Augenblick finde, ist mir’s so hohl und ausgestorben zumute, so abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen, wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast maschinenmäßig hersagt, so daß ich mich nun beinahe besinnen muß auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur halb begriffen das Herz zusammenschnürt; jeden Morgen stehe ich auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und den Platz mit Küssen bedeckend, wo seine Hände lagen.
Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich schon unter heißen Tränen im Bett gelegen, wenn ich dem Ruhelosen und Gequälten »Gute Nacht« gesagt hatte und doch so gut wußte, daß sie ihm nicht zuteil werden würde! Darum hat sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprägt als Trost und Erlösung und wenn mich der Schmerz übermannen will, so vergegenwärtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig liegen konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren Monaten und wie die müde Brust ausruhte vom Kampf gegen den eindringenden Tod. Ja, seine Ruhe ist mein einziger Trost und das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wußte, wie glücklich ich war, wir wußten es ja beide, wir haben es uns oft ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz hinein.
Daß ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch ich ihm wohl gönnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer Kraft er die letzten schweren Tage durchgekämpft hat, wird Dir berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom Körper nicht fesseln ließ, täuschte auch mich bis zum letzten Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und bis zum letzten Atemzug kein Seufzer über seine Lippen gekommen und noch im letzten Augenblick, wo er husten mußte und doch die Kraft nimmer da war, tröstete er mich, »es geht schon nach und nach«, dann sank er aufs Kissen zurück, richtete den Blick in die Höhe und ich sah, daß der Geist im Scheiden war – kaum konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen.
Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lächeln abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat, weiß ich nicht, das Morphium verfehlte seine betäubende Wirkung nicht; als ich um zwölf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte er: »ich glaube ich habe geschlafen«, dann hieß er mich ins Bett gehen, weil er immer darum besorgt war, daß man sich keine Mühe um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch warmen Wein (die letzte Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhören der mühevollen Atemzüge, ich horchte noch lange und immer wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft hatte.